Orangen und Zitronen auf der Wiese

1. Juli 2005, 15:08
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Die 118. All England Lawn Tennis Championships beginnen, Titel­verteidigern war es vor­behalten, sich und Wim­bledon zu besprechen

Irgendwann, so in ein paar Stunden, wird sie ausbrechen, die "Henmania". Da muss der arme Tim einfach durch. Beendet wird sie abrupt, nämlich durch sein Ausscheiden. Insofern kann er sie selbst steuern. Bereits zwölfmal ist ihm das ziemlich perfekt gelungen.

Liest Tim Henman englische Zeitungen - und davon ist auszugehen -, vernimmt er mit Unwohlwollen den dezenten Hinweis, dass die Zeit längst reif für einen einheimischen Wimbledonsieger wäre. Zuletzt war das 1936 der Fall, Fred Perry gewann den Titel, und Henman kam 38 Jahre später auf die Welt. Diesmal haben fünf Sponsoren eine Prämie von 13 Millionen Pfund ausgesetzt. Henman spürt quasi auch einen finanziellen Druck, als wäre der öffentliche und selbst auferlegte nicht schlimm genug. Das voraussichtliche Scheitern hätte dann endlich eine dritte Ursache bekommen.

Der Sonntag vor dem Turnier gehört traditionell den Titelverteidigern, hat also mit Henman nicht einmal am Rande zu tun. Maria Scharapowa, die 18-jährige Russin, und Roger Federer, der 23-jährige Schweizer, wurden hintereinander vorgeführt. Diese Kombination birgt einen gewissen Reiz. Die Dame wurde unlängst in Paris mit dem "Prix Citron" ausgezeichnet, der Herr mit dem "Prix Organge". Die Zitrone bekommt, geschlechtsneutral, der größte Ungustl im Tenniszirkus, die Orange der netteste Gustl. Vergeben werden die Pokale von Journalisten, die Bedeutung ist begrenzt. Es sind keine Fälle von Depression oder Übermut wissenschaftlich belegt.

Natürlich sind zwischen Scharapowa und Federer Gemeinsamkeiten, zum Beispiel der Wunsch nach der Titelverteidigung festzustellen. Er ist auf Rasen seit 29 Partien unbesiegt, sie seit 17. Das sind eindeutig stolze Serien. Federer macht sich darüber kaum Gedanken, "erst dann, wenn sie reißt." Man müsse sich eher "mit dem Gewinnen" befassen und daraus Kraft schöpfen. "Mir ist bewusst, dass ich nicht unbesiegbar bin, sonst wäre ich dumm. Verlierst du einmal, musst du darauf vernünftig reagieren."

Scharapowa sieht das ähnlich, wobei sie nicht so dominant ist. Beide hegen innige Gefühle zu Wimbledon, das sei eben das größte Tennisturnier, man empfinde Ehrfurcht, spüre die Tradition.

Und nun zum Trennenden: Scharapowa wirkt sogar beim Kichern gelangweilt. Sie wird, ganz fad, in goldenen Patschen antreten (18 Karat), das Paar kostet rund 900 Dollar, zehn davon hat sie mit. Das Kleid wird weiß, das Dekolletee orange umrandet und keinesfalls tief geschnitten sein. Dass der Oberschiedsrichter von Wimbledon, Alan Mills, ihr lautes Stöhnen auf dem Platz kritisiert und Maßnahmen dagegen gefordert hat, interessiert "wirklich nicht". Bei ihr wurden 100 Dezibel gemessen, ein Kleinflugzeug ist nur unwesentlich leiser. Vielleicht legt sie sich irgendwann eines zu. Die Mutter ist die beste Freundin, einen Hund würde sie niemals auf Reisen mitnehmen, an die Bodyguards hat sie sich gewöhnt. Und die Balance "zwischen dem Tennis und den Geschäften abseits" passé. "Ich bin eine unabhängige Person."

Die ist Federer auch. Bodyguards hält er für entbehrlich. Es gebe Phasen, "wo ich eine Müdigkeit spüre. Ich plane die Turniere und bedenke nicht, dass ich fast immer ins Finale komme. Aber ich hasse es, abzusagen. Man wirbt mit mir, ich habe den Fans gegenüber Verantwortung. Sie zahlen, um mich zu sehen."

In Wimbledon stehen sie dafür an. Federer eröffnet heute gegen Frankreichs Mathieu. Scharapowa ist am Dienstag und gegen die Spanierin Llagostera dran. Da drängt sich eine kleine Gemeinsamkeit mit Jürgen Melzer auf, er fordert an diesem Tag Ivan Ljubicic. Stefan Koubek hält es wie Federer, trifft am Montag auf den thailändischen Qualifikanten Udomchoke. Aber das ist nicht einmal eine winzige Gemeinsamkeit. (DER STADARD Printausgabe 20.06.2005)

Christian Hackl aus Wimbledon
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    Roger Federer bei der ersten Trainingseinheit in Wimbledon.

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