Eine Dienstleistung namens Religion

11. Juli 2005, 10:23
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Andi Marek vermarktet Rapid an die eigenen Fans - Dem Verein tut das gut, manche Fans aber sehen die Authentizität des Vereins gefährdet

Wien - "Es war ein Superjahr." Andi Marek sitzt in seinem Büro unter dem Fanshop im Hanappi-Stadion und macht das, was er am besten kann. Er baut Vertrauen auf und Verständnis. Wenn er den Stadionsprecher spielt, ist diese Fähigkeit, auf den unterschiedlichsten Wellenlängen gleichzeitig zu surfen, unschätzbar. Marek kann eine am Rathausplatz meisterfeiernde und bierbecherleertrinkende Masse in den Freudentaumel treiben und aus einer brodelnden Masse den Stecker ziehen, der sie mit der Gewalt verbindet. Jetzt erklärt er, warum die Ausschreitungen nach der Rathausplatzfeier, die zwölf Polizisten verletzt zurückließen, "ärgerlich und unnötig" waren.

Der erste Meistertitel seit 1996 wurde von 15.000 Fans bejubelt, die Leiberln gingen weg wie das kalte Bier, Rapids Umsatz erhöhte sich, indem die Fanbindung vertieft wurde. Marek: "Dort war niemand, der Böses wollte. Um halb elf war alles friedlich. Um dreiviertel elf sind die Stehtische geflogen. Und am nächsten Tag reden alle nur von der Schlägerei." Am Ende einer Saison, in der die Rapid statt 50.000 Euro wie im Jahr zuvor nur noch 3500 Euro Strafe an die Liga zahlte. Die Westtribüne ist ausverkauft, mit 800 Namen auf der Warteliste. Die Abos stiegen auf mehr als 6500.

"Die Rapid-Fankultur muss erhalten bleiben." Eines der Probleme von Rapid, aber auch der Austria und anderen Vereinen an der Schwelle vom Verein zum Abenteuerspielplatz aus dem Dienstleistungskatalog ist, dass Fans, die auf ihre Anonymität Wert legen, Rapids Leben à la "prewashed Jeans" mit sozusagen industriell gefertigten Rissen und dem Grind aus der Auslage nicht akzeptieren. "Es waren Mareks Leute am Rathausplatz. Die bösen Buben halten sich von solchen geglätteten Feiern fern. Das einzig Wahre war die Feier am Stephansplatz. Rathausplatz war MTV." Auch der neue Märchenschlossverein Red Bull Salzburg wird vielleicht noch Auseinandersetzungen mit Anwärtern, die man nicht in Dosen ziehen kann, aushalten müssen.

Aber was kann Marek, der sich einiges auf seine Fan-Service-Stelle zugute hält, anderes tun, als die Aufgeregtheit möglichst hoch und doch in Grenzen zu halten? Marek: "Wir sprechen von einem Jahr, da 3000 Anhänger zu Auswärtsspielen mitgefahren sind. Schaffner in der Bahn sagen mir, dass die Hardrockfans von Bon Jovi echte Zerstörungen anrichten und nicht die Rapidfans." (Vielleicht ist ja bei Bon Jovi nicht der Hard Rock das Problem, sondern Bon Jovi, aber das ist eine andere Geschichte.)

Marek sagt, er besuche "40, 50 Fanklubs im Jahr, schön langsam glaube ich, ich brauch eine psychologische Ausbildung." Der Dialog trage Früchte, sagt er. Vor rund 13 Jahren hat er bei Rapid angefangen, und der Verein hatte kein Bewusstsein, dass man mit den Leuten, die regelmäßig zahlen und zuschauen, auch kommunizieren könne. Mittlerweile kennt Marek die meisten persönlich. Am Rathausplatz stellte er sich zwischen die Fronten. Nachher bedankten sich die Rabauken und die Polizisten bei ihm. "Wir haben null Wickel daheim. Der Zwischenfall am Mondsee, das waren nicht Rapidfans. In Graz war's einmal haarig." Zweitausend Rapidfans wurden nach Spielschluss im Stadion gehalten und schließlich, genervt und ungeduldig, in einer hohlen Gasse zwischen den Polizei-Turtles mit der Plastik-Armierung aus dem Stadion geführt.

Marek kann keinen Zusammenhang erkennen zwischen steigender Jugendarbeitslosigkeit, zunehmender Armut und eskalierender Gewaltbereitschaft, die in den Nachbarländern Italien, Deutschland oder auch Polen zu Brutalität um die Stadien führt. Die Polizei mit ihrer Fanbetreuungseinheit wird freilich die Schlacht vom Rathausplatz zum Anlass für eine gröbere interne Revision der Einsatzplanung und Attitüde nehmen.

Marek: "Ich lasse es nicht zu, dass alle in einen Topf geworfen und etwas hineininterpretiert wird." Dann kommt er auf den Punkt: "Das Problem ist doch immer nur die Masse." Die Rapid lebt von der aufgeregten Masse, nicht vom treuherzigen Einzelnen. Sie will als Religion hingebungsvolle, ja besessene Gläubige, aber im Stadion brave Zuschauer. Und nicht immer zeigen alle Kunden das Gesicht, das gerade erwünscht ist. (Johann Skocek, DER STANDARD Printausgabe 20.06.2005)

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