Sobald die Fingerspitzen die Tastatur berühren, liest die Internetpolizei mit

4. Juli 2005, 10:41
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Mithilfe westlicher Nachrichtendienste hat China ein System entwickelt, das die totale Überwachung des Internets erlaubt - Die Online-Kommunikation ist gespickt mit Ködern und Fallen

Elf Jahre nach seiner ersten Anbindung an das World Wide Web ist Chinas Zugriff auf das Internet noch immer von in den Proxyservern des Landes eingebetteten Firewalls geschützt, die sich als praktischer und undurchdringlicher als die Berliner Mauer erwiesen haben. Mehr noch: Die zunehmende Nachfrage nach Breitbandkapazitäten hat zur Umsetzung eines 800 Millionen Dollar teuren Projektes namens "Jin Dun" (Goldener Schild) geführt, einem automatischen digitalen System zur öffentlichen Überwachung, das die kommunistische Herrschaft verlängern wird, indem es der Bevölkerung das Recht auf Informationen versagt.

Informationen überwachen und ausfiltern

Das dem Goldenen Schild zugrunde liegende Prinzip besagt: "Wo die Tugend einen Fuß wächst, wächst das Laster um zehn." Mithilfe von durch die westlichen Nachrichtendienste entwickelten Systemen hat China ein virtuelles Schwert geschmiedet, das droht, den Weg in die Demokratie zu versperren. Internet-Portale dienen in China vor allem dazu, politische Informationen zu überwachen und auszufiltern.

Totalitäre Überwachung perfektionieren

Statt eine neue Ära der Freiheit einzuläuten, versetzt das Internet die chinesischen Behörden in die Lage, die totalitäre Überwachung des Landes in einer Weise zu perfektionieren, die die Herrscher in George Orwells 1984 wie Waisenknaben aussehen lässt. Seit dem 15. April dieses Jahres wurden mittels der wissenschaftlichen und technologischen Neuerungen des Goldenen Schildes jeder Gedanke und jede Handlung der das Internet nutzenden Teile der chinesischen Bevölkerung ausgespäht.

"Politische Web-Verbrecher"

Was Orwell jedoch nicht voraussah, ist, dass die chinesische Regierung dies mithilfe der westlichen Demokratien erreicht hat. China ist heute das einzige Land der Welt, in dessen Gesetze das Konzept eines "politischen Web-Verbrechers" Eingang gefunden hat. Die Veröffentlichung von Artikeln im Internet kann ein "Verbrechen" darstellen, und "radikale Ansichten" können die Inhaftierung nach sich ziehen. Die wahren Verbrecher - die Mitarbeiter der Geschäftsleitungen von Nortel, Cisco und Sun Microsystems, die diese üblen Systeme der Gedankenüberwachung konstruiert haben - werden weiter als beim Besuch eines chinesischen 5-Sterne-Hotels nie an ein Gefängnis herankommen.

Inhaftierungen

Zwischen der Inhaftierung Lin Haiyins, der im Jahre 2000 als erster chinesischer Web-Krimineller für seine Untersuchung subversiver Aktionen festgenommen wurde, und der kürzlich erfolgten Verhaftung des Schriftstellers Shi Tao wurden mehr als 100 unabhängige Intellektuelle eingesperrt, weil sie ihre Ansichten offen zum Ausdruck brachten.

In die Falle Tappen

Die Internet-Kommunikation im modernen China ist gespickt mit Ködern und Fallen: Anwenderfreundliches Webseiten-Design, problemlos anklickbare Icons und Emoticons und beständig aktualisierte internationale Nachrichten regen die Anwender an, sich zu beteiligen und eigenen Ideen zu äußern. Sobald jedoch die Fingerspitzen die Tastatur berühren, ist es vorbei mit der "Küchentischdemokratie" des Web: Allzu schnell kann man in eine Falle tappen, denn die Internet-Polizei überwacht jedes eingetippte Wort.

Freie Meinungsäußerung tabu

In einem Land, in dem freie Meinungsäußerung seit einem halben Jahrhundert tabu ist, erwies sich das Internet zunächst als Gottesgeschenk: Die Menschen wandten sich ihm begeistert zu und bauten Websites und private Homepages. Nun sehen sich diese Menschen den Ämtern für Öffentliche Sicherheit ausgesetzt. So wurde etwa die Website Demokratie und Freiheit in drei Jahren 43-mal entweder zeitweise stillgelegt.

17.000 Internet-Cafés geschlossen

Die durchschnittliche Online-Lebensdauer eines Proxyservers in China beträgt heute läppische 30 Minuten, und 17.000 Internet-Cafés wurden inzwischen geschlossen. Die Online-Filtertechnologie ist im Stande, die E-Mails aller rund 80 Millionen "Netzbürger" in China zu blockieren oder abzufangen. Da Internet-Chatrooms und private E-Mails für viele Chinesen inzwischen von grundlegender Bedeutung sind, gewinnt auch die Ausweitung der Überwachung des Internets an Dynamik. Infolgedessen werden freie Denker heute mit sehr viel öfter erwischt.

Diktatur auf dem Vormarsch

Tatsächlich hat sich zwar die Abdeckung Chinas durch das Internet beständig erhöht; die Fähigkeit der Kommunistischen Partei jedoch, es zu zensieren, ist sogar noch schneller gewachsen - dank westlicher Technologie. Seit den Tagen der Revolution hat die Partei von dieser Art von Kontrolle geträumt. Die Diktatur wurde in China nicht nur gestärkt, sondern sie ist auf dem Vormarsch.

Es wird nicht so bleiben

Aber dies wird nicht so bleiben. Obwohl das Projekt "Goldener Schild" die größte Einzelinvestition der Kommunistischen Partei auf dem Felde der Ideologie ist seit der Machtübernahme in China im Jahre 1949, dürfte sie zugleich der letzte große Einsatz der Partei vor ihrem Zusammenbruch sein. Wie die Berliner Mauer mögen Chinas Internet-Restriktionen technisch solide sein, aber sie verteidigen und erhalten aufrecht, was nicht zu verteidigen oder aufrechtzuerhalten ist. (Der Standard Printausgabe, 18./19. Juni 2005, Ma Jian)

Ma Jian ist u. a. Verfasser der gefeierten Autobiografie "Red Dust" sowie des Romans "The Noodlemaker". Er lebt heute im Exil. © Project Syndicate, 2005. Übersetzung: Jan Neumann

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