Leichte Verführung

17. Oktober 2005, 13:43
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Sie kommen aus dem Kühlschrank und versprechen Erfrischung an heißen Sommertagen. "Leichte" Jogurt-Schokoladen im Test

Sie kommen aus dem Kühlschrank und versprechen Erfrischung an heißen Sommertagen. Ob die "leichten" Jogurt-Schokoladen auch halten, was sie versprechen, hat Kerstin Scheller getestet.

Sie "schmeckt so himmlisch jogurt-leicht", wirbt der Klassiker, und das seit nicht weniger als 35 Jahren. Die Yogurette war 1970 die erste Schokolade mit Fruchtjogurtfüllung auf dem deutschen Markt. Viele Jahre hat es gedauert, bis auch andere Hersteller auf diesen Geschmack gekommen sind. Die so genannten Sommerschokoladen scheinen für diese Saison angesagt. Ob umhüllt mit weißer oder dunkler Schokolade, die Jogurt-Sorten haben eines gemeinsam: "So richtig erfrischend" schmecken sie laut Eigenwerbung nur aus dem Kühlschrank.

Bei welchem Anlass könnten diese Versprechungen besser überprüft werden als bei einem Kindergeburtstag? Denn wie heißt es so schön: Kindermund tut Wahrheit kund. Sohn Luis, der sich derzeit zum Leidwesen der Mutter ausschließlich von "gage" (Schokolade) ernähren möchte und alles, was als gesund eingestuft werden kann, fein säuberlich im Mund vom Rest herauslöst, um es anschließend auf den Tisch zu spucken, wurde zwei Jahre alt. Zum Fest geladen war die Großfamilie. Cousinen, Onkel, Tanten, Oma, Opa sowie der Bruder und die Eltern sollten die Testesser werden. Für Luis ein wirkliches Fest, nach Schokoladenkuchen - die Topfentorte mit Obststücken verweigerte er - folgte der Schokoladentest.

Verkostet wurden vier Sorten in vorschriftsmäßig gekühltem Zustand: weiße Schokolade mit Jogurt-Waldbeer-Füllung von Milka (übrigens der einzige "Österreicher" im Test), Erdbeer-Jogurt Schogetten, Erdbeer-Rhabarber in weißer Schokolade von Lindt sowie die Yogurette, deren Hersteller Ferrero derzeit mit einer "limited edition" auf die Konkurrenz reagiert. Statt in Erdbeer gibt es sie "nur für kurze Zeit" in der Geschmacksrichtung Himbeer.

Die Kriterien:

Luis' Eltern entwarfen am Abend vor dem großen Fest den Fragebogen. Beurteilt werden müssen außer der Größe der Fruchtstückchen und dem Schokoladen-Jogurt-Verhältnis, ob die Kostprobe am Gaumen kleben bleibt oder im Hals kratzt sowie der "Naschfaktor". Darunter versteht Luis' Vater die Größe des Stückes und ob sich dieses zum Beispiel in der Früh auf dem Weg ins Bad im Vorbeigehen von der Tafel leicht herunterbrechen lässt. Beurteilt wurde nach dem Schulnotensystem. Geburtstagskind Luis lief außerhalb der Wertung, da er in sichtlicher Freude, beim Naschen einmal nicht von der Mutter eingebremst zu werden, jedes verkostete Stück mit "hmm, ecker, dud" quittierte (hmm, lecker, gut - für seine zwei Jahre spricht der Nachwuchs noch nicht sonderlich verständlich, aber Buben hängen da in der Entwicklung meist den Mädchen hinterher, hieß es bei der aktuellen Mutter-Kind-Pass-Untersuchung).

Eines noch vorweg geschickt: Auch wenn die Füllungen aller Schokoladen aus Magermilchjogurt hergestellt werden, bezieht sich die angepriesene "Leichtigkeit" nicht auf die Kalorien, denn diese unterscheiden sich nicht von den herkömmlichen Schokoladensorten. Hundert Gramm Jogurt-Schokolade besitzen im Durchschnitt 560 Kalorien. Diese sind jedoch nur auf der Milka-Tafel extra ausgewiesen.
Die Ergebnisse:

Yogurette Himbeer von Ferrero
100 Gramm, 0,79 € (Aktionspreis Merkur)

Vom Geschmack her unerreicht. Genau das richtige Verhältnis zwischen Schokolade und Jogurt, befanden alle Testesser. Die kleinen Himbeerstücke schmecken, wenn man sie erwischt und daraufbeißen kann, angenehm säuerlich. Der echte Yogurette-Fan lutscht deshalb die Schokolade, um so zu den Fruchtstückchen vorzudringen. Am Gaumen bleibt dabei weder die Schokolade noch die Jogurt-Füllung kleben. Lediglich die Portionsgröße passte nicht jedem: Im Gegensatz zu den anderen Schokoladen ist die Yogurette nicht als ganze Tafel verpackt, sondern in acht Riegel - jeder in Stanniolpapier gehüllt - aufgeteilt. Nicht sehr umweltfreundlich, wie die 13-jährige Cousine anmerkte. Dem Vater von Luis war ein Riegel zu viel und das Auspacken zu umständlich. Dennoch, so meinte auch er, wenn Schokolade überhaupt erfrischend sein kann, dann am ehesten diese. Note: 1,5

Milka Waldbeer-Jogurt in weißer Schokolade
100 Gramm, 0,59 € (Aktionspreis bei Merkur)

Überrascht waren die Testesser vom Innenleben dieser weißen Schokolade, die mit zwei Schichten gefüllt ist: einer Jogurtcreme und einem Fruchtgelee. Das Waldbeeraroma wurde von den Tanten, Onkeln und den Großeltern als künstlich eingestuft. Die Jogurtschicht neutralisiert jedoch den Geschmack. In Summe waren alle sehr angetan, wenn auch einigen die weiße Schokolade etwas zu süß vorkam. Und, das ist vor allem bei weißen Sorten das Problem: Sie neigen dazu, im Hals zu kratzten. Noch ein kleiner Nachteil: Kommt die Tafel direkt aus dem Kühlschrank, lässt sie sich schwer zerteilen und das meist nicht an den vorgesehenen Bruchkanten. Dennoch überzeugt diese Schokolade durch den Überraschungseffekt. Note 2

Erdbeer-Jogurt Schogette von Trumpf
100 Gramm, 0,65 € (Merkur)

Die Enttäuschung. Der Jogurt-Geschmack wurde durch die beinahe ranzig schmeckende Schokolade überdeckt. Außerdem sind die Fruchtstückchen deutlich zu klein. Der Opa bekam, nachdem er sie verkostet hatte, einen Reizhustenanfall, der Oma blieb die Schokolade am Gaumen kleben. Auch bei den Kindern kam sie nicht gut an, sie wollten das Stück nicht einmal aufessen. Lediglich die 13-jährige Cousine, die überhaupt keine Jogurt-Schokoladen mag, empfand es als angenehm, dass die Füllung nicht so hervorschmeckte. Das Positive an dieser Schokolade sind die Portionsstückchen: Man muss sie nicht von der Tafel abbrechen, sondern sie liegen lose in der Verpackung. Der Vater des Geburtstagskindes kann diese locker im Vorbeigehen in den Mund einwerfen. Note 3,5

Erdbeer-Rhabarber-Jogurt in weißer Schokolade von Lindt, 100 Gramm ,1,59 Euro (Merkur)
Die Luxusausführung unter den Kostproben. Doch wie so oft beim Pomp, es ist des Guten zu viel. Für die Schokostückchen mit dem hohen "Gupf" konnte sich niemand begeistern (außer Luis). Zwar war der erste Eindruck viel versprechend, doch nachdem der weiße Schokoladenschmelz dahingeschmolzen war, machte sich im Mund ein fast schon penetranter und als künstlich empfundener Rhabarber-Geschmack breit. Das Schokoladen-Jogurt-Verhältnis passt hier nicht: eindeutig zu viel Füllung, so die übereinstimmende Meinung. Der Fruchtgeschmack hinterließ bei vielen Juroren ein Kratzen im Gaumen. Immerhin: Die Portionsgrößen dieses Testkandidaten fanden alle genau richtig. Trotzdem schnitt diese Schokolade als klarer Verlierer im STANDARD-Test ab. Note 4
(DER STANDARD, Printausgabe vom 18./19.6.2005)

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