Die wilde Abgeordnete in der Toskanafraktion

21. November 2006, 13:16
1 Posting

Hinter den Postkarten-Hügeln der Toskana tut sich nördlich von Lucca ein herber, faszinierender Landstrich auf: Die Garfagnana

Das Fiese an so genannten Geheimtipps ist, dass man sie ja eigentlich nicht weitergeben sollte. Wer, sagen wir einmal, dem zweifelhaften Vergnügen entging, auf einer Piazza in Florenz oder Siena gleichgesinnten Bekannten aus dem Heimatbezirk zu begegnen (Horror "Toskanafraktion") und stattdessen ein wirklich abgelegenes Dorf fernab jeglicher Touristenaufmärsche gefunden hat, wo man etwa den Fleischhauer noch zu jeder beliebigen Zeit in seiner Wohnung abholen kann - der tut vermutlich gut daran, die alte Regel "Genießen und schweigen" zu befolgen.

Im folgenden Falle wollen wir aber einmal selbstlos sein, großzügig wie die Menschen der Garfagnana, jenes Landstriches, der sich nördlich der Provinzhauptstadt Lucca entlang des Sérchio-Flusses bis an den Rand der nordtoskanischen Alpen erstreckt. Mit endlosen Kastanienwäldern bewachsen, haben diese zuerst lieblich geschwungenen, dann zunehmend schroffen Hügel und Berge, die großteils in einen Nationalpark umgewidmet wurden, denkbar wenig mit den toskanischen Olivenhain- und Sonnenblumen-Klischees gemein.

Die Garfagnana - sie will durchaus erobert werden. Fährt man nämlich hinter Lucca zuerst eine eher desolate Industrielandschaft ab, wie sie wohl nur Italiener ertragen können, dann denkt man zuerst: Schluck! Spätestens aber, wenn man, oft im Gefolge langsamer Lkws in Richtung der schon zu Zeiten Montaignes und später Heinrich Heines legendären Thermalbäder von Bagni di Lucca und dann weiter gen Gallicano und Castelnuovo am vielleicht einzigen berühmten, Wahrzeichen der Region, der 1101 erbauten, faszinierend klobig-eleganten "Teufelsbrücke", des Ponte della Maddalena, vorbeifährt, ahnt man: Schönheit ist hier ein ganz organisch entstandener Nebeneffekt.

Plötzlich beginnen sich auf den Hängen neben der Straße die Kastanienwälder in sattem Grün und aller Pracht zu entfalten. Schon im Mai, wenn der fruchtbare Boden noch kühl gegen die beginnende Hitze anatmet, sind in ihnen die ersten riesigen Steinpilze zu finden.

Touristenmenü?!

Und wer dann, von der länglichen Autofahrt ein wenig ermüdet, in einem der unscheinbaren Gasthäuser der Region, denen so etwas wie ein Touristenmenü noch völlig fremd ist, Rast macht - der kann miterleben, wie sich in einer "Kulturlandschaft" wie dieser die Kunstfertigkeit quasi aus den Produkten vor der Haustür ergibt: Pilze, Fleisch, oft Wild, herbe Sughi und Ragouts, im Herbst köstliche Kastanienspezialitäten: Mit ihnen kreiert die jeweils sehr mütterliche oder großmütterliche Köchin ein ganz alltäglich liebevolles Flair.

Gegessen wird in Ermangelung von Speisekarten das, wie man sagt, was auf den Tisch kommt. Dass auf diesem Tisch bereits ein paar Flaschen Wein stehen, schränkt den Zwang zu wählerischer Verkostung weiter ein. Nicht selten hat man das Gefühl, im Wohnzimmer der Wirtsleute dinieren zu dürfen. Meist hat man nachher angesichts der Rechnung das Gefühl, zum Selbstkostenpreis verwöhnt worden zu sein.

Die Garfagnana, zu großen Teilen ein Nationalpark, will aber nicht nur erfahren, sondern auch erwandert werden. Bei meinem letzten Abstecher lernte ich ein kanadisches Ehepaar kennen, wie ich in einem der hinterletzten Bergdörfchen (Trassilico, siehe unten) untergebracht - diese Leute haben sich ihre kulinarischen Freuden durchaus hart erarbeitet (was andererseits angesichts der Schönheit der Wald- und Bergpfade sehr relativ ist): gut eine Stunde zum nächsten Ristorante zu marschieren. Bergab: holterdipolter! Zurück, mit gut zwölf Gängen Menü intus: Wie rollt man eigentlich bergauf?

Bergwandern, vor den langsam, aber zügig allerorten eingerichteten renovierten Apartmenthäusern am Swimmingpool liegen, lesen, Schach spielen, den Vögeln zuhören, Stachelschweine kennen lernen, selbst auf Pilzsuche gehen: Die Garfagnana ist wie geschaffen für private Klausur-Wochen.

Wer dafür nicht geschaffen ist, sei zumindest vorgewarnt: Wenn man nach Pisa, Lucca, ans Meer nach Viareggio oder weiter hinauf zu den Steinbrüchen von Carrara fahren oder möglichst viele Destinationen pro Tag ansteuern will, darf man davon ausgehen, dass man an solchen Tagen bis zu sechs Stunden im Auto sitzt.

Aber wozu in die Ferne schweifen: Den obligat hervorragenden Espresso gibt es auch in kleineren Bezirkszentren wie Castelnuovo oder Barga. Und wenn man irgendwann am Abend ein wenig oder etwas mehr Hauswein intus hat, dann sind - Pisa hin oder her - viele Türme schief. (Der Standard, Printausgabe 18./19.6.2005)

Von Claus Philipp

Die Garfagnana erreicht man am einfachsten über Florenz oder Bologna in Verbindung mit Zug und Auto. Beide Städte werden von der ÖBB ab 29 €
pro Strecke angefahren.
  • Der Palazzo Guinigi mit seinem Turm.

    Der Palazzo Guinigi mit seinem Turm.

Share if you care.