Kinn auf den Tank: S steht für Sound

9. März 2006, 23:01
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Harald Fidler zieht für derStandard.at weite Kreise, bis er mit der BMW 1200 S schließlich doch zum Punkt kommt

Fährt Fidler denn nur Honda und BMW? Keineswegs. Jedenfalls nicht aus Prinzip. Liegt wie so vieles nur an der Ökonomie.

Wer schon einmal mit der Badener Bahn nach Wiener Neudorf gezuckelt ist, wo Honda Austria die Zweiräder ausfolgt, und wer zu den Öffnungszeiten eigentlich noch ein paar andere Kleinigkeiten zwecks Broterwerb zu schaffen hat, weiß: etwas lähmendes Unterfangen.

Folgerichtig empfiehlt sich Planung in Serie: FMX 650 zurückbringen und Hornet 600 ausfassen, Hornet zurückbringen und gegen CB 1300 S ABS tauschen. Nur um die CBR 600 RR ist ein derartiges Griss, dass Schreiber mit eher nicht ganz so rennorientiertem Publikum wie meinereiner erst im August darauf hoffen dürfen.

BMW liegt der STANDARD offenkundig noch etwas mehr am Herzen und die funkelnagelneue Ständige Vertretung der bayerischen Motorräder praktischerweise in Wien-Heiligenstadt. Schimpfen Sie über den D-Wagen, soviel Sie wollen. Gegen die kleine Weltreise mit der Badener Bahn ein Film in Fast Forward. Beides ein klassischer Fall von Luxusproblem, wenn sieben oder mehr Tage Test am anderen Ende warten.

Die Wertschätzung der österreichischen BMW-Zentrale bricht sich in blitzschnellen Anrufen von Frau Kössner Bahn. Gleich im März der frisch vom Band gelaufene Reisetrecker RT, Ende April die gerade erst eingefahrene Brachialrakete K 1200 R.

Warum ich die verkleidete K 1200 S nicht schon 2004 gefahren bin, auf der die nackte Kanone basiert? Ich vermute: übergroßer Respekt nach fast einjähriger Wiederherstellung meines am Pannoniaring zerschellten Handgelenks.

Respekt verdient die S allemal. Ich sage nur: 123 KW (167 PS) bei 10.250 Umdrehungen, maximales Drehmoment 130 Nm bei 8.250, laut Zulassungsschein 280 Stundenkilometer. Schreit irgendwie nach deutschen Autobahnen. Oder Rennstrecken. Diese Werte mussten den BMW Boxer Cup beerdigen. (Keine Sorge, "Motorrad" berichtete gerade vom neuen, abgeschlankten Rennboxer R 1200 S).

Heute lässt Bayern Rs im Kreis prügeln und nennt die Chose Power Cup. Mit einigem Recht, wie berichtet. Mein Lieblingszitat von der unerschrockenen Fraktion aus dem neuen "Reitwagen" zum Thema kann ich Ihnen einfach nicht vorenthalten: "Man glaubt ihr, dass sie auch waagrecht fährt, wenn der Reifen was hält." Nun ja, dem steht wohl auch der etwas ausladende Kupplungsdeckel bisschen im Weg, der mir bei der S auffiel. Ermöglichen soll die extreme Kurvenfreude übrigens der Duolever vorne.

Womit wir nach weiten Kreisen nun doch endlich bei dem Motorrad angelangt sind, um das es eigentlich geht. Stellt mir die Fee (oder Frau Kössner) R und S zur Wahl, ich würde nicht lange zögern. Vielleicht eine optische Täuschung, aber die S fährt mir runder. Das bisschen weniger steiler Lenkkopfwinkel, etwas mehr Nachlauf, etwas längere Übersetzung und etwas weniger radikales Äußeres machen das schon? Mir scheint: ja.

Trotz identer Motorisierung hatte ich zudem den Eindruck: merklich weniger trinkfreudig als ihre nackte Schwester. Auch die S verlangt - wie die meisten neuen Bayern - 98 Oktan, was bei mancher ÖMV-Tankstelle Unverständnis hervorruft und bei Shell nur die noch etwas teurere Variante 100 Oktan bedeutet.

Wo wir schon beim Geld sind: Kollege R., dessen Jubel selbst durch - wohl etwas übertriebene - 10 Liter auf 100 Kilometer kaum zu bremsen war, hat eine neue Lieblingsbeschäftigung: Er klärt BMW-Mitarbeiter recht forsch über die logischen Schwächen ihrer Preisgestaltung auf. Und das geht so: Die R (die R. als alter Freund des nackten Motorrads eigentlich im Auge hat) kostet 15.900 Euro. ABS will er eigentlich auch, das kostet bei der R aber extra 1260. Macht 17.160.

Die S hat das - hier übrigens beschwerdefrei getestete - teilintegrale ABS serienmäßig und kostet mit 17.990 kaum mehr als die nackte Schwester. Dann sagt R. noch: Wenn ich die Verkleidung der S verschrotte, kostet mich eine neue Verpackung garantiert mehr als die Differenz von 830 Euro, oder? Bin gespannt, wie weit er damit rabatttechnisch kommt. Beide Modelle einen übrigens 780 Euro extra für die elektronische Fahrwerksabstimmung ESA, von der ich aber ohnehin schon geschwärmt habe.

Ziehharmonika

Intelligente Koffer hatte meine - klassisch blau-weiße - S noch. Der Normalzustand, der auch beim Stauschlängeln keine gröberen Blessuren an Plastik und anderen Verkehrsteilnehmern bringt, reicht für Regenschutz, Zahnbürste und ein bisschen Unterwäsche. Im ausgefahrenen Zustand - stellen Sie sich mal eine nicht ganz so gefältelte Ziehharmonika aus wasserfestem Stoff vor - passt locker ein Helm auf jede Seite. Dann ist allerdings von forciertem Stadtverkehr abzuraten. Mind the gap!

Meine Sympathie für die verkleidete S rührt von simplen Erfahrungen. Und ich meine keineswegs nur meine etwas späte Erkenntnis, dass BMW mit seiner Blinkerkonstruktion - Schalter links am Lenker für Links und rechts für rechts statt Kippschalter links für beide Richtungen wie der Rest der Welt - absolut recht hat. Musste dafür eh nur mehr als ein Dutzend bayerische Zweiräder bewegen.

Etwas weniger praktisch: Hab mich beim Schalten doch recht häufig in den Leerlauf verirrt. Kann aber auch an hier etwas störrischeren Vorgängertestgeräten liegen.

Die viel zentralere Erfahrung: So ungewöhnlich weit ihre beiden Räder auch auseinander stehen für ein Racinggerät, so angenehm aber ihr Handling in den engen Haarnadelkurven von Königstetten hinauf zur Dopplerhütte. In diesem Testjahr bisher das einfachste Gerät aus der wuchtigeren Klasse.

Der Vergleich mit der Honda Hornet 600 fällt schwer. Mit dem Leichtgewicht hab ich mich aber nicht unbedingt viel leichter getan. Und die S kann man schon ziemlich fein (und kontrolliert) aus der Kurve schmieren lassen. Möge die Macht mit mir sein, quasi.

Viel wichtiger noch: Die Sounddesigner aus Bayern haben Großes geleistet. Ich empfehle: Mit dem unvernünftigen Jethelm hinter dem - aufrecht mit Vollvisier höchst kommoden - Windschild das Kinn auf den recht hohen Tank legen und ordentlich das rechte Handgelenk nach unten bewegen. Sound does matter.

In dem Sinne demnächst zu etwas ganz anderem: KTM Super Duke. Bleiben Sie dran. (Harald Fidler, derStandard.at, 19.6.2005)

BMW 1200 S
Listenpreis: € 17.990,-

Wassergekühlter Viertakt-
Reihenvierzylinder, zwei Nockenwellen, 16V
Sechsgang-Getriebe,
1157 ccm, 123 KW (167 PS) bei 10.250/min, max. Drehmoment: 130 Nm bei 8.250/min,
Top-Speed: 280 km/h, Verbrauch bei konst. 90 km/h: 4,7 l.
Vorne Duolever, Zentralfederbein, hinten Aluguss-
Einarmschwinge; Zentralfederbein.
Leergewicht: 248 kg
Zul. Gesamtgewicht: 450 kg
Tank: 19 l.

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BMW

  • Eine Frage des Respekts: BMW 1200 S.
    foto: werk

    Eine Frage des Respekts: BMW 1200 S.

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