Wie ein Hund auf der Autobahn

27. Juli 2005, 11:51
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Joyce Carol Oates über Aufwachsen im Amerika der 60er-Jahre

Einem kleinen Mädchen wird von Anfang an beigebracht, dass es schuld am frühen Tod seiner Mutter sei. Das Kind hungert nach Liebe, nach Nestwärme, nach Aufmerksamkeit und bekommt sie nicht. So beginnt der bittere Roman von Joyce Carol Oates. Es ist die Geschichte einer verhängnisvollen Prägung, ganz egal wie tüchtig Anellia ist, der Vater schenkt ihr keine Beachtung.

Endlich der großmütterlichen Familie entkommen, versucht das Mädchen, sich auf dem College zu behaupten. Anellia ist "ausgesetzt" wie ein Hund auf der Autobahn, gelähmt vor Schreck, ohne jedes Selbstbewusstsein. Irgendwo dazuzugehören, akzeptiert zu werden, das scheint in greifbare Nähe gerückt, als Anellia es schafft, in die vermeintlich elitäre Studentinnenverbindung Kappa Gamma Pi aufgenommen zu werden. Bald schon macht sich eine Verstörung breit, die frappant an die Stimmung in Sylvia Plaths Glasglocke erinnert. Die ewige Außenseiterin ist dazu verdammt, die Geschichte ihrer Kindheit zu wiederholen, denn prompt verliebt sie sich in einen Mann, der sie emotional ausnützt, ihr das Gefühl gibt, dass sie sich um seine Zuwendung bemühen muss, ohne dass das je genug ist. Da der Liebhaber noch dazu schwarz ist, kann Anellia auch gleich noch alle Schuldgefühle auf sich nehmen, wenn man ihn wegen seiner Hautfarbe diskriminiert.

Oates schildert einprägsam, wie sich das puritanische Amerika der Sechzigerjahre gegen alle dräuenden Veränderungen wehrt. Aber die sexuelle Revolution und die Bürgerrechtsbewegungen sind unaufhaltsam, ebenso wie die langsame und schmerzhafte Befreiung der Heldin. Die gelingt aber - ein Gemeinplatz - nur über die Auseinandersetzung und Aussöhnung mit der eigenen familiären Vergangenheit

Oates hat viel produziert, was eher beiläufig und geschwätzig daherkam. In diesem Roman zeigt sie, was sie kann, wenn sie sich nicht auf modischen Nebenschauplätzen verzettelt. Das geheime und symbolträchtige Thema von Ausgesetzt ist Sehen und Gesehenwerden, was sich in einer mitreißenden Schlussszene verdichtet. Apropos sehen: Der Text ist in einer unzumutbar winzigen Schrift gedruckt. (DER STANDARD, Print, 18./19.6.2005)

Von Ingeborg Sperl

Joyce Carol Oates
Ausgesetzt.
Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz.
€ 20,50/334 Seiten.
Fischer, Frankfurt/Main 2005.
ISBN: 3100540069

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