Falsches Versprechen

31. Juli 2005, 17:51
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Mit dem "Erlass" der Schulden für jenes Geld, das man von vornherein als Zuschüsse hätte geben sollen, möchten die reichen Länder jetzt großmütig dastehen - Gastkommentar von Kenneth Rogoff

Der Schuldenerlass für arme Länder kristallisiert sich als zentrales Thema beim G-8-Gipfel im Juli in Schottland heraus, und es ist beschämend, dass so wenige verstehen, welche Farce daraus entstehen kann. Angestachelt von wohlmeinenden Rockstars und anderen populären Persönlichkeiten glauben nun große Teile der Öffentlichkeit, dass der Schuldenerlass ein immenser Schritt auf dem Weg zur Eliminierung der Armut auf der Welt sei. Aber ein Schuldenerlass ohne Einigung auf bessere Rahmenbedingungen für zukünftige Geldflüsse bleibt eine leere Geste. Mit der Bestätigung des Schuldenerlasses für die ärmsten Länder scheinen die Staats-und Regierungschefs der G-8 auf den ersten Blick unglaublich generös. Allerdings rechnet ohnehin niemand wirklich damit, dass diese Schulden zurückgezahlt werden. Dank laufender Zuschüsse und zukünftiger Darlehen von nationalen Hilfsinstitutionen und multilateralen Kreditgebern wie der Weltbank bekommen die meisten armen "Schuldnerländer" beträchtlich mehr Geld, als sie zurückzahlen, und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.

Es stimmt zwar, dass die Vereinigten Staaten lediglich armselige 0,2 Prozent ihres Einkommens für Hilfsgelder aufwenden, aber wenigstens werden arme Länder nicht besteuert, wie das Imperialisten aus reichen Ländern bis weit hinein in das 20. Jahrhundert praktiziert haben. Im Übrigen sind für die G-8 keine Riesensummen aus dem Versuch zu erwarten, Geld bei Menschen zu sammeln, die von einem Dollar pro Tag leben.

Die Reichen Länder waren zu geizig

Was würden die G-8-Verantwortlichen denn tun? In Afrika Truppen stationieren, um Kaffeebohnen und Erdnüsse zu beschlagnahmen? Die Eintreibung von Schulden in armen Ländern ist eine Absurdität und wird dies noch lange bleiben. Das wirkliche Thema ist, wie viel Geld die Regierungen der reichen Länder den Regierungen der armen Länder zukommen lassen werden und nicht umgekehrt. Großzügig ausgelegt könnte man sagen, dass die Darlehen der Vergangenheit den naiven Optimismus widerspiegelten, dass ein wenig Startkapital politisch und wirtschaftlich zurückgebliebenen Ländern wunderbare Wachstumsraten bescheren würde.

Eine weniger großzügige Auslegung der Geschichte der Entwicklungshilfe ist, dass die reichen Länder zu geizig waren, um den ärmsten Ländern einfach Zuschüsse zukommen zu lassen und erst dann bereit waren zu helfen, wenn man ihnen versicherte, dass dieses Geld zurückgezahlt werden würde.

Mit dem "Erlass" der Schulden für jenes Geld, das man von vornherein schon als Zuschüsse hätte geben sollen, möchten die reichen Länder jetzt großmütig dastehen. Mit Ausnahme der streitsüchtigsten Kritiker von US-Präsident George W. Bush wird allseits anerkannt, dass Amerika die Führungsrolle beim Versuch übernommen hat, die Dinge wenigstens geringfügig zu verbessern.

Die Amerikaner wollen "vor allem nicht schaden"

Die Bush-Administration hat die Zahlung von Zuschüssen zum zentralen Anliegen ihrer Entwicklungspolitik gemacht, die zur Schaffung einer neuen Hilfsinstitution, des "Millennium Challenge Account" geführt hat.

Überdies halten es die Vereinigten Staaten nach den jüngsten Veränderungen bei der Weltbank mit dem klassischen Lehrsatz für Ärzte: "Vor allem nicht schaden." Man erhöht zwar die Hilfsleistungen, aber versucht die Hilfe auf Länder mit guter Regierungsführung zu konzentrieren. Dieses Ziel ist lobenswert. Es gilt sicherzustellen, dass die Hilfe ausschließlich nutzbringend eingesetzt und nicht von schlechten Regierungen zur Machterhaltung eingesetzt wird. (Project Syndicate, 2005, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.6.2005

Kenneth Rogoff ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Public Policy an der Harvard University und früherer IWF-Chefökonom.

Übersetzung von H. Klinger-Groier.
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    foto: standard/fischer
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