Popstars der Wirtschaft

31. Juli 2005, 17:51
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Die ganze Politik eines Landes liegt dem Energy-Drink-Hersteller Dietrich Mateschitz zu Füßen

Bei aller Euphorie steirischer Politiker, die jetzt schon den Sieg der Landtagswahl im Herbst in ihrer Tasche vermuten: Nur weil Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz die Rennstrecke am A1-Ring wieder aufbaut, sollte nicht gleich das ganze politische Koordinatensystem durcheinander geraten. Gut, die Autorennstrecke wird wieder errichtet, und noch einiges an Equipment, das zuvor abgerissen worden war. Aber hängt daran das Ach und Weh eines ganzen Bundeslandes, womöglich gar der ganzen Republik? Monatelang hatten Landes- und Bundespolitiker Mateschitz bekniet, bitte, bitte wieder in die Steiermark zu kommen und nicht mehr böse zu sein, weil der Bundesumweltsenat das alte "Jahrhundertprojekt" abgelehnt hatte.

Die ganze Politik eines Landes liegt dem Energy-Drink-Hersteller Dietrich Mateschitz zu Füßen. Mateschitz gehört zur neuen Generation der Popstars der Wirtschaft, denen Politiker hemmungslos verfallen sind. Dahinter steht: Wirtschaftspolitik wird immer stärker auch zur Markenpolitik. Die Aufmerksamkeit, ja Aufgeregtheit, die all den Mateschitz’, Stronachs oder Androschs zuteil wird, steht ja bisweilen in keinem Zusammenhang mehr mit dem tatsächlichen Wert des Produkts, um das es eigentlich gehen soll. Die Projekte dahinter werden im Grunde immer nebensächlicher. Wichtig ist, was vorne draufsteht, die Marke. Wenn Hannes Androsch ein Chipwerk ankündigt, können es auch geröstete Kartoffeln sein, wenn Dietrich Mateschitz oder Frank Stronach die Stirn runzeln, wittern Politiker schon freudig die nächste Ansiedelung. Egal welche.

Der verklärte Blick der Politik verzerrt langsam die Realitäten und rückt tatsächliche wirtschaftspolitische Notwendigkeiten, was eine Region etwa tatsächlich braucht, oft aus dem Blickfeld. Einkehr ist gefragt: Politik, werde wesentlich! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.6.2005)

Von Walter Müller
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