"Der niedrigere Euro ist uns angenehm"

12. Juli 2005, 14:08
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Der Kursrückgang des Euro ist keine Gefahr, sondern eine Hilfe, erklärt Wifo-Chef Karl Aiginger im STANDARD- Gespräch - Fehlendes Wachstum bleibt das größte Problem

STANDARD: Die EU-Verfassung und das EU-Budget sind blockiert, der Euro wurde infrage gestellt, der Kurs gegenüber dem Dollar ist kräftig gesunken. Ist der Euro gefährdet?

Aiginger: In dem Sinn, dass sich der Euroraum wieder auflöst, sehe ich keine Gefahr. Und dass der Euro wesentlich niedriger ist, ist uns angenehm, weil damit Europa im Export wieder mehr Chancen hat. Der Euro war durch die amerikanischen Doppeldefizite beim Budget und in der Handelsbilanz zu stark und Europa musste den USA helfen. Insofern bin ich über die Kursentwicklung sogar zufrieden. Insgesamt zeigt sie, dass der Euro als sehr stabil angesehen wurde, die Länder haben sich viel früher entschlossen statt Dollars Euro zu halten als man glaubte. Das italienische Problem...

STANDARD: Die Forderung eines Ministers nach Rückkehr zur Lira?

Aiginger: ...das war seine Formulierung, aber das Problem dahinter ist, dass Italien sehr schwach wächst und zur Stabilität nicht fähig ist. Das sehe ich besonders im Kontrast zu Schweden: Früher haben Schweden und Italien immer abgewertet. Schweden ist dem Euro nicht beigetreten, hat aber gesagt: Es soll uns nie mehr passieren, dass wir abwerten müssen, deswegen werden wir keine überzogene Lohnpolitik machen und unser Sozialsystem im Kern erhalten und am Rande reformieren, deswegen setzen wir auf Wirtschaftswachstum.

Das haben sie durchgehalten, auch gegen die amerikanischen Prognosen, dass ein Staat mit dem stärksten Wohlfahrtssystem als erstes Probleme bekommt. Schweden hat als stärkstes Wohlfahrtssystem keine Probleme bekommen, weil es die notwendigen komplementären Politiken gemacht hat, relativ flexible Regulierung und vor allem Wachstumspolitik.

Italien hat das nicht gemacht. Wenn es weiterhin nichts tut, wird es in eine immer schwerere Krise stürzen, gegen das es währungsseitig nicht mehr tun kann. Der leichte Ausweg ist für Italien verschlossen, darum wird er von populistischen Politikern wieder herbeigesehnt.

STANDARD: Der Euro stieg in Höhen, die immer als alarmierend berachtet wurden, was Deutschland nicht daran hinderte, im vergangenen Jahr Exportweltmeister zu werden. Warum gelang dies trotz hohem Eurokurs?

Aiginger: Das ist ein Phänomen, das nicht ganz geklärt ist. Es dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Weltnachfrage so groß war, dass alle Güter zu jedem Preis nachgefragt wurden, und die Deutschen haben die Exportkanäle gehabt und sie trotz hohen Euros und hoher Arbeitskosten genützt.

STANDARD: Sind nicht auch die Arbeitskosten in Deutschland in Relation zu anderen Ländern wie Italien wesentlich weniger gestiegen und wurde damit Deutschland nicht innerhalb derselben Währungszone kompetitiver?

Aiginger: Seit 1995 sind die Arbeitskosten in Deutschland relativ wenig gestiegen und in Relation zu vielen Partnern gesunken. Allerdings sind sie weiterhin in der Industrie die höchsten in Europa, was ein Problem bleibt, insbesondere da sie bei Hochtechnologien nicht präsent sind.

STANDARD: Die EU will zum wettbewerbsstärksten Wirtschaftsraum der Welt werden, aber de facto ist der Abstand zu den USA größer geworden. Warum müssen wir uns überhaupt an den USA messen?

Aiginger: Es ist üblich sich ein Außenziel zu setzen, um Leute stärker zu motivieren. Selbst die Russen wollten Amerika einholen. Es ist nicht die nobelste Motivation, weil sie nicht die wahren Ziele nennt, aber vom Mobilisierungseffekt ist es nützlich. Umgekehrt: Wenn es nicht gelingt ein gesetztes Ziel zu erreichen ist es doppelt unangenehm.

Was Europa an sich wollte ist, in der Produktivität Amerika zu erreichen, seine Effizienz ausbaut, und da hat Europa ein Problem in vielen Sektoren. Die 90er Jahre waren eine besondere Situation durch zwei neue Technologien, die Informationstechnologie und die Biotechnologie, in der die USA führend waren und das amerikanische Innovationssystem besonders gut gewirkt hat – es wirkt dann besonders gut, wenn eine neue Technik entsteht, weil die Firmen so nahe den Universitäten sind und hier Entwicklung und Nutzer nahe beisammen sind.

STANDARD: Aber hat die Biotechnologie auf der Ebene von Produkten und Märkten schon solche Folgen?

Aiginger: Bei der Informationstechnologie, wo das auch lange in Frage gestellt wurde, kann man das beweisen, bei der Biotechnologie beginnt das gerade. Es ist klar, dass man das am Beginn einer neuen Technologie noch nicht so deutlich sieht, aber sie wirkt bereits.

Das zweite was den USA in den 90er Jahren half war die Umstellung von der Rüstung auf die zivile Forschung und hohen Forschungsausgaben im industriellen Sektor. Fünf Jahre hat es wirklich eine Friedensdividende gegeben, jetzt könnte es sein, dass die USA sich wieder mehr auf Sicherheit und weniger zivile Fragen konzentriert. Das würde Europa erlauben ein bisschen aufzuholen.

STANDARD: Würde nicht genau diese Konzentration auf Sicherheitsaufwendungen der US-Volkswirtschaft helfen?

Aiginger: Kurzfristig ja, langfristig nein. Kurzfristig ist es eine Art keynianische Wirtschaftspolitik durch ein nicht-keynianisches Regime, wahrscheinlich die einzige Form die Präsident Bush akzeptieren würde. Hier würden sich alle Ökonomen die Haare ausreißen, wenn er wegen ziviler Gründe ein Budgetdefizit machen würde. Ich glaube aber nicht, dass dieser Effekt den ganzen Abstand zu Europa erklärt, da kommt auch der Technologieeffekt hinzu.

Europa hat in den 90er-Jahren den Fehler gemacht nicht in Ausbildung und Technologie zu investieren. Es war mit dem Binnenmarkt und der Euro-Einführung beschäftigt. Beides war notwendig, aber es waren zunächst restriktive Politiken, man hätte in dieser Phase einen Technologie- und Infrastrukturschub gebraucht um diese restriktiven Effekte zu kompensieren.

STANDARD: Welche Instrumente bleiben den Staaten, um mit den großen Unterschieden innerhalb der Eurozone umzugehen?

Aiginger: Die Geldpolitik ist zentral und darum keine Möglichkeiten der einzelnen Staaten mehr, jetzt müssen Lohn-, Technologie- und Fiskalpolitik diese Funktion übernehmen. Ein Instrument wurde aus der Hand gegeben mit der Hoffnung auf eine starke Währung und niedere Zinssätze, was im Schnitt auch eingetreten ist. Das hat man aber gewusst.

STANDARD: Ein Aspekt ist die Lohnpolitik, die wahrscheinlich den Einzelnen am meisten bewegt – die Sorge um den Arbeitsplatz und geringeres Einkommen. Dazu eine aktuelle Meldung von heute: Die deutsche Industrie machte im April 6,6 Prozent mehr Umsatz, mit 1,5 Prozent weniger Beschäftigten. Die verbliebenen Beschäftigten arbeiteten um 3,2 Prozent mehr Stunden, verdienten aber nur 0,4 Prozent mehr. Ist das die Zukunft – weniger Arbeitsplätze, längere Arbeitszeit, mehr Unternehmensgewinne?

Aiginger: Ein Aspekt ist eine technische Sache. Wenn die Industrieumsätze steigen, dann muss die Beschäftigung aufgrund besserer Produktivität zurückgehen. Das sollte man nicht beklagen sondern die Folge der Produktivitätssteigerung. Das ist auch deswegen kein Problem, weil die Beschäftigten, die dort verloren gehen, im Dienstleistungssektor aufgenommen werden könnten.

STANDARD: Könnten.

Aiginger: Könnten. Das ist der Normaltrend, den wir in Jahren der Vollbeschäftigung hatten. Nur erregt er jetzt mehr Aufmerksamkeit, weil das eine im Plus ist, und das andere im Minus, und es hat keine Folgen.

Das andere ist die Einkommensverteilung, die sich zu Lasten der Löhne und zu Gunsten der Gewinne verschoben hat. Das haben die meisten Ökonomen begrüßt, weil die Industrie das Geld für Forschung und Wettbewerbsfähigkeit braucht, um im Land zu bleiben. Hier ist die Konsequenz noch nicht eingetreten – das Geld wurde zu ein bisschen mehr Forschung verwendet und zum Teil, dass die Standorte länger im Land gehalten wurden. Aber den großen Aufschwung gab es nicht, das Geld wurde verwendet um das Eigenkapital in Ordnung zu bringen und Investitionen abzurunden. Das heißt noch nicht, dass es falsch war, aber es erklärt warum eine Debatte darüber entsteht....

STANDARD: Stichwort Heuschreckenkapitalismus.

Aiginger: Wenn es dann manchmal heißt, dass die Industriegewinne steigen und die Beschäftigten sinken und das vom Aktienmarkt gefeiert wird, ist das besonders pervers. Die Firmen, die solche Bilanzen vorlegen, sollten das dazusagen, dass das nicht der direkte Effekt ist und sie sich darüber freuen, sondern dass das Firmenziel nachhaltige Gewinne ist und dazu gehört auch eine motivierte Belegschaft. Ich glaube, dass das auch 99 Prozent der Firmen so sehen, aber das eine Prozent, dass das nicht so sieht – und Kommentatoren, die das nicht so sehen – machen das Problem dann größer. Aber hier ist sicher ein Erklärungsbedarf.

Aber die Frage ist, ob die Arbeitsplätze wirklich sinken – die Arbeitsplätze in der Industrie inklusive produktionsnaher Dienstleistungen – Finanzierung, Beratung, Planung – sinken nämlich nicht. Wenn man das zusammenzählt ist das genau konstant, es ist kein Arbeitsplatzverlust zu sehen.

Die Gesamtbeschäftigung ist sowohl in Europa als auch in Österreich steigend. Jetzt kann man zwar sagen, davon ist wahrscheinlich die Hälfte Teilzeitbeschäftigte, aber immerhin ist es steigend, und auch ein Teil der Teilzeit ist freiwillig gewünscht. Das Hauptproblem ist generell und in Österreich ein steigendes Angebot bei Arbeitskräften. Wir brauchen also ein Wachstum von zweieinhalb Prozent, damit die Arbeitslosigkeit sinkt. Das ist eine dramatische Anforderung, unsere mittelfristige Prognose ist 2,3 Prozent, also knapp drunter – bestenfalls eine konstante Arbeitslosenentwicklung.

STANDARD: Woher kommt das?

Aiginger: In Österreich aus fünf Faktoren. Der Anteil der 20- bis 25-jährigen steigt weiterhin um 0,5 Prozent pro Jahr, wir sind noch nicht in der Phase wo das Arbeitsangebot zurückgeht, womit wir 2013 rechnen. Der zweite Effekt ist, dass viele Ausländer und ihre Angehörigen, die schon in Österreich waren, eine Arbeitsgenehmigung bekommen haben, was die meisten befürwortet haben. Die dritte Gruppe sind alte EU-Mitglieder, die aus Ländern mit höherer Arbeitslosigkeit zu uns kommen, wie Deutschland und Italien. Und es ist ein gewisser Mismatch, also es gibt ein Überangebot an Arbeitskräften insgesamt, aber ein Unterangebot an billigen Kellnern oder Gesundheitskräften. Dazu kommt eine steigende Gruppe von Saisoniers, und Menschen bleiben länger im Arbeitsprozess – aber es sind nicht Arbeitskräfte aus den neuen Mitgliedsländern, weil der Arbeitsmarkt relativ gut abgeschottet ist.

STANDARD: Müssen wir uns auf einen Rückgang des Lohnniveaus auf breiter Ebene einstellen?

Aiginger: Die Schere wird größer. Für Leute mit Kollektivvertrag und die beschäftigt sind, gibt es keine Rückgänge. Bei neuen Anstellungen, oder wo es keine Verträge gibt, kann man anders einstufen. In einer Situation mit einem Überangebot ist es schwer, eine egalitäre Lohnpolitik durchzuhalten.

Die Frage ist, soll die Politik dagegensteuern, das hätte den Effekt, dass man die Inlandsnachfrage stabilisiert – aber es können dabei auch ein paar Arbeitsplätze verloren gehen. Es wäre ein Vorteil, den Druck nach unten Grenzen zu setzen, weil es den Druck auf Requalifikation erhöht. Eine Möglichkeit dazu ist es, die negative Einkommenssteuer zu erhöhen – da hat der Staat einen Hebel, der hundert prozentig wirkt.

STANDARD: Das klassische Instrument mit dieser Entwicklung zurecht zu kommen war lange Zeit die Arbeitszeitverkürzung. Die scheint, wie man an Frankreichs Versuch der 35-Stunden-Woche sieht, nicht mehr zu funktionieren. Warum?

Aiginger: In einer Phase hohen Wachstums kann man eine Arbeitszeitverkürzung mit teilweisem Lohnausgleich machen. In einer Zeit, wo die Lohnsteigerun gering ist, wird das zu einem Entweder-Oder. Damit wird auch die Zustimmung zu diesem Instrument fraglich, wer mehr Einkommen will ist dann gegen die Verkürzung, oder sucht einen Zweitjob.

STANDARD: Müssen wir uns nicht darauf einstellen, dass die Situation – ein großes Angebot an Arbeitskraft – lange anhält, einerseits weil die technische Rationalisierung weitergeht, andererseits weil wir mit der ganzen Welt, die billigere Löhne hat, in Konkurrenz stehen?

Aiginger: Der einzige Ausweg aus dieser Situation ist eine Wachstumsstrategie, dass Österreich rascher wächst als es bisher wächst. Das ist der Grund warum ich so darauf dränge, das Wachstum auf drei Prozent zu kriegen. Das nimmt den Druck von den niedrigen Löhnen weg und hilft, Pensions- und Wohlfahrtssystem zu finanzieren.

Obwohl ich ein bisschen grün angehaucht bin, bin ich damit im Konflikt mit den Wachstumsgegnern. Das Wachstum ist kein Selbstzweck, sondern bei unserem derzeitigen System der Marktwirtschaft und funktionierendem internationalen Wettbewerb die einzige Strategie, um eine sinkende Arbeitslosigkeit zu garantieren. Die Dänen, die Schweden und die Finnen zeigen, dass das geht, auch in einem internationalen Verbund.

Zur Person

Universitäts- professor Karl Aiginger ist seit Jahresbeginn Chef des Österreichischen Wirtschafts- forschungsinstituts.

Das Gespräch führte Helmut Spudich.

Eine Kurzversion des Interview erschien in der Print-Ausgabe des STANDARD v. 18./19.6.2005.
  • Artikelbild
    foto: standard/andy urban
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