Pannonisches Wasser: Leben in Extremen

17. September 2007, 12:22
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Die Debatte um den Wasserstand des Neusiedler Sees mag publikumswirksam sein. Mehr als ein Symptom ist sie freilich nicht. Denn der Neusiedler See ist bloß ein Spiegel für den Zustand des pannonischen Wasserhaushaltes. Und der schwankt eben zwischen Extremen.

Östlich von Wien, dort, wo die Berge an den fernen Horizont rücken, wird das Wasser allmählich ein rares Gut. Eines jedenfalls, mit dem nicht zu urassen ist, sondern im Gegenteil zu wirtschaften. Manche meinen sogar, man müsste sich hier nach dem Vorbild von Brandburg richten, wo die Grundwasserentnahme gebührenpflichtig ist, und zwar nicht nur für das Trink-, sondern auch das Brauchwasser für die Landwirtschaft.

Punktuelle Debatte

Das freilich traut sich kein halbwegs überlebenswilliger Politiker, weshalb die Debatte darüber im Schatten der Öffentlichkeit abläuft, beziehungsweise sich nur punktuell entzündet: Am geplanten Golfplatz im burgenländischen Zurndorf etwa, dessen notwendige Bewässerung die nahe Leitha besorgen soll. Oder am Neusiedler See, der mit Donauwasser gespeist werden soll.

Das Hauptproblem des pannonischen Wasserhaushaltes – vom Marchfeld bis ins Südburgenland, vom ungarischen Kisalföld bis in die slowenische Goric¡ka – ist, sagt Helmut Rojacz, „dass wir mit Extremwerten leben müssen“.

Zwischen 550 und 580 Millimeter Niederschlag gibt es hier im Durchschnitt pro Jahr. Aber das ist eben der langjährige Durchschnitt, herausdividiert aus Jahren mit einer Niederschlagsmenge von 350 und solchen mit 800 Millimetern. „Und das Grundwasser reagiert hier unmittelbar.“

Helmut Rojacz ist Chef des burgenländischen Wasserbauamtes und also ressortzuständig für alles, was mit Wasser zu tun hat. Und wenn ihn sein Gefühl nicht trügt, dann haben die Extremereignisse in den letzten Jahren zugenommen. Aber einer wie Helmut Rojacz will sich aufs Gefühl nicht verlassen, deshalb hat er eine meteorologische Untersuchung in Auftrag gegeben, die eine Klimaprognose fürs Pannonische erstellen soll. Danach seien dann die wasserbaulichen Maßnahmen zu setzen. Etwa das Größerdimenionieren von Kanälen, sollte sich herausstellen, dass Starkund Stärkestregen tatsächlich ein Phänomen sind, mit dem man in Zukunft häufiger wird rechnen müssen.

Solche Starkregen wie jener vor ein paar Jahren, als es innerhalb eines Tages fast die Hälfte des Jahresniederschlags auf den Leithaberg geregnet hat, ändern nichts am fundamentalen Problem Pannoniens, der Trockenheit und dem tendenziell sinkenden Grundwasserspiegel.

Im südlichen Seewinkel, dem Hanság, ist das Wasserbauamt nun daran gegangen, Entwässerungskanäle zu stauen, um so die ursprünglichen Feuchtwiesen entstehen zu lassen, was natürlich auch dem Grundwasser gut tut.

Fremdwasser

Gleichzeitig wird überlegt, den Wasserstand des Neusiedler Sees zu stabilisieren. Der Steppensee ist ja, obwohl nicht in Verbindung mit dem Grundwasser, dessen Spiegel. In den letzten Jahren ist er deutlich gesunken, die mögliche Zuleitung von Donauwasser – das Projekt mit der Raab wurde fallen gelassen – ist ein Wunsch des Tourismus.

Der Kritik von Naturschützern kann Rojacz, in den Bahnen seines Amtes, durchaus folgen, die Aussüßung des Seewassers – das ist ja salzund sodahaltig – sei tatsächlich eine Gefahr, der man nur begegnen könne, indem möglichst wenig Wasser zugeführt und wenig über den Einserkanal abgelassen werde. Außerdem: Schon seit vierzig Jahren fließt Fremdwasser in den See, über die Kläranlagen, gespeist vom großen Brunnen in Neudörfl, rund fünf bis sieben Millionen Kubikmeter im Jahr.

Die Stabilisierung auf höherem Niveau gehe freilich nur mit dem Überschwemmungsrisiko. „Ab 116 Metern über Adria läuft der See von selber aus.“ Die Schleuse am Einserkanal könne nicht kurzfristig Entlastung bringen, „über die fließen 15 Kubikmeter in der Sekunde ab, ein Zentimeter Seespiegel sind aber sieben Millionen Kubikmeter“. (DER STANDARD, 21. Juni 2005)

Wolfgang Weisgram
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    Der Neusiedler See ist Mitteleuropas größter Steppensee und leidet an einem höchst sensiblen, zu 80 Prozent vom Niederschlag abhängenden Wasserhaushalt

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