Die Hauptschlagader und das Herz

17. September 2007, 12:22
3 Postings

Die Donau ist Mitteleuropas wichtigster Strom, Grenze und Verbindung, Natur-, Kultur- und Mythenlandschaft und ein beeindruckendes Kapitel angewandter Ingenieurskunst. Am intensivsten spürt man das alles zwischen Wachau und Eiserner Pforte.

„Wenn es die Donau als großen Integrator nicht gibt, wo sind dann die Habsburger? Nirgends.“

Solche Sorgen oder Hoffnungen soll sich Heinrich Heine in einem Brief an Karl Marx gemacht haben. Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy zitiert ihn in seinem Buch Donau abwärts, einer als Roman verkleideten Liebes und Leidenserklärung an den Strom.

Die Donau muss es wohl geben, kraft des Offensichtlichen – sie fließt ja lange genug, 2.860 Kilometer von ihren Quellen im Schwarzwald bis ins ebenso wenig Schwarze Meer – aber auch aus ideologischen, geschichtlichen, mythischen Gründen. Wie sie durch Mittel- und Osteuropa mäandert, so nähern sich ihr die Menschen an, die über sie nachdenken: in Kurven und Ellipsen, indirekt. Sie vergleichen, überhöhen, verweisen auf andere.

„Der melodische Strom, so nannte ihn Hölderlin an seinen beiden Quellen“, schreibt Claudio Magris, ein weiterer Schriftsteller und ein Gelehrter, der von der triestinischen Küste mitten in den Kontinent gefahren ist, wo sein Leben eine neue Wendung genommen hat – hin eben zu diesem Fluss, der einem Italiener zunächst wenig vertraut ist. Profunde Sprache der Götter, zitiert er weiter, „Straße, die Europa mit Asien verband, Deutschland mit Griechenland, auf der in mythischen Zeiten die Poesie und das Wort gereist waren, um den Sinn des Seins in das deutsche Abendland zu bringen.“

Von den Quellen aus ist Magris aufgebrochen, um die Biografie eines Flusses als sozusagen Mitreisender niederzuschreiben. Von Brigach und Breg bis nach Chilia Veche und Sulina in Rumänien, in neun großen Kapiteln. Entlang der ganzen Wegstrecke machte er geistige und körperliche Abstecher, erkundete die Ausstrahlung des Stroms auf das Leben drum herum und, wenn’s ging, auch das Umgekehrte. Ungefähr im oberen Drittel wurde er besonders fündig, von „In der Wachau“ – was bei ihm mit Linz beginnt – bis zu „Pannonien“, wo er sich „an den Pforten Asiens“ wähnte, allerdings mit einem Fragezeichen versehen.

Dass Magris hier besonders ausgiebig umherstreifte, war kein Zufall, war er doch schon Mitteleuropa-Spezialist, bevor das cool war. Und wenn die europäische „Hauptschlagader“ Donau ein Herz hat (um bei diesem etwas schiefen Vergleich zu bleiben), dann liegt es wohl hier, wo vom Nibelungenlied bis zur Eisernen Pforte das Flussbett geschichtsgetränkt ist.

Geglättete Wogen

Und viel mehr noch und ganz konkret: Die Donau war über die Jahrhunderte und ist immer noch symbolische und tatsächliche Grenze ebenso wie Verbindung, wurde zum Wasserreservoir und Energielieferanten, bietet den Städtern Erholungsräume und den „Geognosten, Agronomen, Schiffsführern, Ingenieuren und Wasserbaukundigen“ Arbeitsmöglichkeiten. Der Chronist, der sie vor 150 Jahren aufzählte, wollte damals schon die Modernisierung, Zähmung und wirtschaftliche Nutzung des Stroms.

Die „Wasserstraße“ Donau entstand, weil der Strom gebändigt wurde. Gerade in der mitteleuropäischen Kernregion, wo Stromschnellen von Grein bis zur Eisernen Pforte die Schifffahrt schwierig bis unmöglich gemacht hatten, legten die Techniker Hand an und glätteten wortwörtlich die Wogen der Verkehrsader. Die „Erste k.k. privilegirte Donau- Dampfschiffahrts-Gesellschaft“, 1829 gegründet und um die Wende zum 20. Jahrhundert der größte Flussschifffahrtsbetrieb Europas, machte aus ihr die wichtigste Ost-West-Verbindung der Monarchie.

Nachzuverfolgen ist die Geschichte der DDSG in der eindrucksvollen Ausstellung „blau“ im Technischen Museum Wien. Hier ist auch das komplexe Zusammenspiel von Politik und Technik nachzuverfolgen, die den Strom neu erfunden hat. Durch Regulierung kam er näher, aber ungefährlicher an Orte heran oder gab Land frei zur Besiedelung, wie praktisch die ganze Leopoldstadt und Brigittenau in Wien. „Strategisch“ wichtige Stromstellen wurden mit Konstruktionen überbrückt, die als Pioniertaten und Rekorde in die Ingenieursgeschichte eingingen. Weniger dem Militär dienten sie, mehr dem Handel und ganz einfach dem erleichterten Verkehr – in Wien wurden alleine in den 1870er Jahren fünf Eisenbrücken in fünf Jahren errichtet.

Wenn Ausflügler und Stadtflüchtige heute die Auen zu Fuß oder die Wachau per Ausflugsdampfer genießen können, dann deswegen, weil nach der Bändigung auch die kulturelle Bedeutung ins Blickfeld rückte. „Die Donau“, sagt Carl Manzano, Direktor des Nationalparks Donauauen, „ist internationale Wasserstraße, europäische Kulturstraße und europäisches Naturerbe, in all seiner Mannigfaltigkeit.“ Die österreichischen Auen etwa stünden direkt mit dem relativ schnell fließenden Strom in Verbindung und wiesen andere Charakteristika auf als Naturlandschaften weiter flussabwärts. „Früher hat man die ökologische Bedeutung der Auen nicht wahrgenommen, stattdessen etwa als herrschaftliche Jagdreviere gesehen.“

Das hätte als modernes Revier zweckrationaler Ausbeutung fortfahren können, doch eine gesteigerte Umweltsensibilität und ein neuer, nicht zuletzt von Claudio Magris gelenkter Blick auf das komplizierte mitteleuropäische Szenario änderten den Gang dieser Geschichte. Heute nutzen etwa Studenten von Elsa Prochazkas „Raum- und Designstrategie“- Klasse die Fahrt mit einem Schlappkahn zur Auseinandersetzung mit den vielen ufernahen Identitäten.

Donau so grün?

Eines allerdings ist die Donau nicht: blau. Diese Wahrnehmung rückte, nachdem Johann Strauß sie 1867 in Wien und, international triumphierend, in Paris und Amerika verkündet hatte, der nüchterne Wiener Gerichtsrat Anton Bruszkay zurecht. Seinen peniblen Aufzeichnungen zufolge, die er ein Jahr lang am Ufer von Mautern machte, war der Fluss „an 11 Tagen braun, an 46 Tagen lehmgelb, an 59 Tagen schmutziggrün, an 45 hellgrün, an 5 Tagen grasgrün, an 69 Tagen stahlgrün, an 46 Tagen smaragdgrün und an 64 Tagen dunkelgrün“. Das ist dem schönen Katalog zur Ausstellung „blau“ zu entnehmen.

Ist also der Strom nun eher grün? Esterházy bezweifelt auch das. „Die Donau gibt es nicht, das ist sonnenklar“, schreibt er in sein Tagebuch. „Die Donau ist nicht etwas, nicht ihr Wasser, nicht ihre Wassermoleküle, nicht die gefährlichen Strombettverhältnisse, die Donau ist das Ganze, die Donau ist die Form.“

Eine Metapher für Widersprüchlichkeit nennt sie hingegen Magris nach 1989 in seinen Betrachtungen Post-Donau, „weil die Donau ein Strom ist, der sich nicht mit einem Volk, mit einer Kultur identifiziert, sondern so viele Länder, Völker (...) und soziale Systeme durchfließt“. Der Metapher ist zu wünschen, dass sie den Stein höhlt.

Péter Esterházy, Donau abwärts. Residenz 1992. Claudio Magris, Donau. Biographie eines Flusses. Hanser 1988. - Donau und Post-Donau, AER 1995. Ausstellung „blau. Die Erfindung der Donau“: bis zum 27. November im Technischen Museum Wien. (DER STANDARD, 21. Juni 2005)

Michael Freund
  • Die Wasser von Donau, March und Thaya. Kapillaren für die Auen, Transport- und Verkehrsader, Energiereservoir und Lebensgrundlage für die Region Centrope.


    Die Wasser von Donau, March und Thaya. Kapillaren für die Auen, Transport- und Verkehrsader, Energiereservoir und Lebensgrundlage für die Region Centrope.

  • Artikelbild
Share if you care.