Bedeutet Vindobona-Sanierung eine Marktverzerrung?

16. Dezember 2005, 12:40
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"Große fressen Kleine": Wiener Grüne äußern Befürchtungen zur Zukunft der Wiener Kabarettszene

Wien - "Wir sitzen hier, weil wir besorgt sind", eröffnete Marie Ringler, Kultursprecherin der Wiener Grünen, am Mittwoch die Pressekonferenz zum Thema "Große fressen Kleine". Gemeint war die Sorge, dass im Zuge der begonnenen Umbauarbeiten der Kabarettbühne Vindobona, in deren Rahmen die Sitzplatzkapazität verdoppelt wird, andere Spielhäuser wie Niedermair oder Kulisse Auslastungsprobleme bekommen könnten.

Multiplex-Förderung als Negativbeispiel

Kritikpunkt der Grünen ist die Subvention der Stadt Wien in der Höhe von 1,35 Millionen Euro. "Stellen Sie sich vor, die Stadt Wien finanziert eine weitere Billa-Filiale, und dann wundern sich alle, dass das gute Käsegeschäft oder der Biofleischhauer weg ist", fuhr Ringler fort. "Große fressen Kleine. Das ist, noch dazu mit öffentlichen Geldern, eine klassische Marktverzerrung". Sie erinnerte an die Kinodiskussionen der neunziger Jahre, als man den massiven Bau von Multiplexkinos förderte. "Und heute wundern sich alle, warum man das Metro oder das Gartenbaukino subventionieren muss".

Gegen eine Renovierung sei grundsätzlich nichts einzuwenden, betonte die grüne Abgeordnete. Dem schloss sich Doris Ringseis, Geschäftsführerin der Kulisse, an: "Es ist aber nicht bloß eine Sanierung, sondern eine Vergrößerung. Das wird uns Schwierigkeiten in der Programmierung bereiten, und ich befürchte, nicht überleben zu können". Zudem verstehe sie die Logik der politischen Entscheidung nicht: "Es heißt doch immer, Kabarett wird nicht gefördert, weil es kommerziell ist. Jetzt wird das eine schon gefördert. Ich frage aber grundsätzlich: warum ist es keine Kunst und nicht förderungswürdig?"

Versteckte Betriebsförderung?

Niedermair-Geschäftsführer Andreas Fuderer vermutete eine versteckte Betriebsförderung des Vindobona, da eben offiziell nur Baukosten subventioniert würden: "Die Stadt Wien vergibt das Geld falsch. Es müsste der laufende Betrieb unterstützt werden, nicht Baukosten". Die Kosten der Betriebsführung jedes Theaterhauses seien in den letzten Jahren massiv gestiegen, sei es durch die neuen Anstellungsverhältnisse, den notwendigen PR-Aufwand wie Webauftritte etc.

Kabarettist I Stangl erläuterte, dass Vindobona-Betreiber Wolfgang Gratzl sich so wenig wie andere Veranstalter die auftretenden Kabarettisten für sein Haus aussuchen könne, da der österreichische Markt von zwei zuteilenden Agenturen dominiert würde. I Stangl: "80 Prozent seiner Produktion der letzten Saison wurden von den Agenturen bestückt. Im Grunde ist Gratzl ein 'Strohmann'." Alles in allem gebe es derzeit "null Bedarf" an einer neuen kleinen Bühne mit 150 Plätzen, wie sie im Vindobona vorgesehen ist (neben der Vergrößerung des großen Saales auf 450 Plätze).

Gemeinderatstagung am 30. Juni

Ringler hofft auf ein Umdenken des Kulturamtes, nachdem die Subvention im Gemeinderats-Kulturausschuss am Dienstag gegen die Stimmen der Grünen und der ÖVP mehrheitsfähig wurde. "Der Gemeinderat zur Absegnung tagt am 30. Juni. Vielleicht ändert sich ja noch etwas".

In einer Aussendung meinte Andreas Salcher, Kultursprecher der ÖVP: "Mit der gleichen Summe lassen sich mehrere kleine Projekte, die für junge Künstler eine wesentliche Starthilfe bedeuten können, finanzieren."

Ernst Woller, Kultursprecher der Wiener SPÖ, hielt ebenfalls in einer Aussendung dagegen: "Das Verhalten der ÖVP und der Grünen ist mehr als Heuchelei. Die Baukosten für das Vindobona für die erste Umbauphase wurden im Februar 2004 einstimmig im Gemeinderatsausschuss für Kultur beschlossen, also auch mit den Stimmen der Grünen und der ÖVP". (APA)

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