Gut Schnitzel braucht Patina

5. Juli 2007, 14:14
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Georgi-Schlössl: Ein verwunschenes Landgasthaus wurde radikal renoviert, um von einem Haubenkoch betrieben zu werden

Ist ja gut, sagt Severin Corti, aber schön langsam gehören alte Wirtshäuser unter Denkmalschutz gestellt.

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Wenn alles passt, vermittelt die sommerliche Landpartie stadtgeplagten Zeitgenossen auf höchst angenehme Weise ein trügerisches Gefühl von Heimat, Freiheit und allgemeiner Sorglosigkeit. Bei uns Austriaken kulminiert das beinahe zwangsläufig in unbändigem Verlangen auf ein schattiges Wiener Schnitzel. Zuvor aber haben die Dörfer in sommerlicher Hitze still vor sich hin zu backen, sodass hölzerne Stadeln nach Baumharz, die Straßen nach Teer und die Vorgärten nach Pelargonien duften. Weizenfelder (mit Mohn- und Kornblumen!) können sich in sanfter Brise wiegen, von den Alleebäumen sollten reife Früchte winken. Ja, für uns Städter darf es auf dem Land so süßlich zugehen wie in der Limonadenwerbung: Wer wollte einem das bisschen Eskapismus ankreiden?

So hat das Verlassen der Stadt immer auch etwas mit der Eroberung einer Welt zu tun, die der Seele nah, der Wirklichkeit aber längst entglitten ist. Zumindest das Landgasthaus aber, das heute fast nur noch von ausflugsgeschädigten Städtern erhalten wird, sollte diese Illusion vom idyllischen Leben auf dem Lande halbwegs glaubwürdig inszenieren können.

Dass das eigentlich viel zu oft schief geht, hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Betreiber von ländlichen Wirtshäusern (selbst wenn es sich um geflüchtete Städter handelt) oft viel zu lang auf dem Land leben, um die Kulisse, die unsereiner sucht, entsprechend zu erspüren. Da wird renoviert und behübscht, wo gepflegte Verwahrlosung gefragt ist, werden Blumenbeete in betonierte Einfassungen gezwängt, wo der Charme bunt verwilderter Gärten gefragt ist.

Auf dem Weg in den Süden, kurz vor dem Grenzübergang Spielfeld, kann man seit einem Monat wieder im Georgi-Schlössl in Ehrenhausen einkehren. Das einst verwunschen anmutende Herren-(und Wirts-)haus war lange im Besitz der südsteirischen Winzerfamilie Wagner. Da der Nachwuchs andere Interessen hat, wurde es an einen Holzunternehmer verkauft. Der hat das Haus so grundlegend renoviert und in derart strahlendem Gagerlgelb angestrichen, dass man nun auch bei bedecktem Himmel eine Sonnenbrille braucht.

Als Betreiber wurde Willy Zach engagiert...

... der "Geschäftsführer und Haubenkoch" auf seiner Visitkarte stehen hat und im nahen St. Stefan einst ein dekoriertes Wirtshaus betrieb. Zach will das Haus als "Hochzeitsschloss" positionieren, wofür diverse Säle bereitstehen. Auch ohne Hochzeitsgäste kommt schon beim Betreten des schönen, mit nobel knirschenden Kieselsteinen aufgeschütteten Hofes so etwas wie Kirtagstimmung auf: Aus verborgenen Lautsprechern ertönen Schlagermelodien in Instrumentalversion, die auch im Inneren des Hauses nahtlos weiter dudeln - und zwar bis aufs Häusl im ersten Stock. Da wurde ganz offenbar ordentlich ins Soundequipment investiert. Dass die Gäste hier sind, um ein bisschen heile Welt zu spielen und sich ganz altvaterisch über das Zirpen der Grillen, das Rauschen der Bäume, auch das verhaltene Tuckern des Weingarten-Traktors freuen möchten: siehe oben.

In der Küche steht Reinlinde Trummer, die es in der Patisserie zur österreichischen Staatsmeisterin gebracht hat. Die Frau kann auch sonst kochen. Der Vogerlsalat mit Speck und warmen Erdäpfeln hat genau jene süßsaure, deftige Schmierigkeit, die man fast nur noch auf dem Land finden kann. Die eingelegten Pilze zum Rindscarpaccio erzählen von der Pracht vergangener Sommer, das butterschmalz-verwöhnte Wiener Schnitzel (endlich!) ist wunderbar flaumig souffliert, steht aber mit Petersilerdäpfeln und Preiselbeeren auf der Karte. Das mag ortsüblich sein, als Wiener auf der Durchreise freilich kann man sich nur wundern - und kriegt anstandslos einen ordentlichen Erdäpfelsalat mit Kernöl serviert.

Die Kalbspiccata mit Spaghettinudeln (sic!) und Tomatensauce singt das Lied längst vergangener Zeiten, was durchaus Spaß macht, solange das Fleisch unter der Parmesanpanier so rosa bleibt wie hier.

Auch wenn man keinen Platz mehr hat, ist dem Dessert kaum auszuweichen. Die "schokoladigen Schlossnaschereien" der Staatsmeisterin stellen rein mengen- und kalorienmäßig ein komplettes Essen für zwei Personen dar und kommen auf einem vielfach gekrümmten und gebogenen roten Glasgebilde daher, das die Kellnerin kaum derstemmt. Darauf finden ordentliche Rollen vom köstlichen Schoko-Nuss-Strudel, mehrere Nocken verschiedenfarbiger Schokoladen-Mousse, eine Portion der Schoko-Whisky-Torte des Hauses, zwei teigige Marzipan-Ravioli sowie einige Kugeln ganz außergewöhnlich guten Pfirsich-Kardamom-Sorbets Platz. Solcherart mit heimischer Kost gestärkt, darf beruhigt in den Süden mit all seiner fremdartigen (und befremdlich leichten) Kost aufgebrochen werden.
(Der Standard/rondo/17/06/2005)

Georgi-Schlössl 8461 Ehrenhausen Tel.: 03453 / 25 777 Mi-So 11-13.30 & 18-21 Uhr, Vorspeisen € 6-10 Hauptspeisen € 14-23 Desserts € 3,20-11 Georgi Schlössl

  • Das neu renovierte Georgi-Schlössl von Willy Zach erstrahlt in blendendem Gelb. Und wirft damit grundsätzliche Fragen zum Thema Ausflugsgasthaus auf.
    foto: der standard

    Das neu renovierte Georgi-Schlössl von Willy Zach erstrahlt in blendendem Gelb. Und wirft damit grundsätzliche Fragen zum Thema Ausflugsgasthaus auf.

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