Picknick am Wegesrand

23. November 2005, 18:18
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Der Südosten Irlands tritt aus dem touristischen Windschatten. Und das im wörtlichen Sinn

Mit fast hundert großen Segelschulschiffen, die hier ihr jährliches Rennen starten, erlebt die Stadt Waterford demnächst die größte Party ihrer Geschichte.

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Kevin Dundon weiß, was er seinem Ruf und dem Genius Loci schuldig ist. Von den zehntausenden Besuchern, die den Beginn des "Tall Ships' Race 2005" miterleben, werden dies einige Dutzend in unvergleichlichem Ambiente tun. Das Dunbrody Country House Hotel in Arthurstown liegt oberhalb der Bucht, die die Zwei- und Dreimaster bei der Anreise nach Waterford queren müssen - und durch die sie am 9. Juli in Formation aufs offene Meer zurückkehren, wo der Startschuss zum Rennen erfolgt.

Von einer Wiese im weitläufigen Park des Hotels überblickt man prächtig die ganze Bucht. Auf dieser Wiese wird Kevin Dundon am 9. Juli seinen Gästen ein standesgemäßes Picknick ausrichten, auf dass ihnen die Parade der geblähten Segel auch anderweitig in Erinnerung bleibe. Das Dunbrody ist Irlands Hotel des Jahres 2004, sein Restaurant das Restaurant des Jahres und dessen Patron der Koch des Jahres. So viel zum Thema standesgemäß.

Standesdünkel sind Kevin Dundon allerdings gänzlich fremd. In der dem Hotel angeschlossenen, architektonisch wie technisch exquisiten Kochschule gibt er seine Künste und kleinen Tricks ganz ungekünstelt weiter. Daneben betreut er unter anderem den Kräutergarten und den Hühnerstall, dessen Insassen den Hotelgästen die Frühstückseier legen. Ehefrau Catherine leitet das "Spa", eine Wellness-Oase, die in Ausstattung und Angebot ebenfalls dem Niveau des Hauses entspricht. Ein äußerlich eher unauffälliges Landhaus aus dem frühen 19. Jahrhundert, das in typischem Understatement seine wahren Werte erst im Innern zeigt: Die Zimmer im klassischem Stil, jedes ein Unikat und ein kleines Kunstwerk für sich; die Bar; der Speisesaal; die Terrasse - jedes Detail zeugt von der Hingabe der Wirtsleute an ihr Metier. Luxus pur, aber so unaufdringlich und stimmig, als wäre er die selbstverständlichste Sache der Welt.

Vielleicht tritt dieser Luxus deshalb so verhalten auf...

... weil er daran erinnert, dass dies einmal ein bettelarmes Land war: Dunbrody ist auch der Name eines jener Schiffe, auf denen während der großen Hungersnot von 1845 bis 1880 zweieinhalb Millionen Iren in die USA emigrierten. Die Dunbrody wurde nach alten Plänen originalgetreu nachgebaut und tritt am 9. Juli ihre Jungfernfahrt an: an der Spitze der Seglerparade zum Tall Ships' Race.

Unter den Emigranten des Jahres 1848 war auch Patrick Kennedy, Großvater des späteren US-Präsidenten John F. Kennedy. Ob er auf der Dunbrody übersetzte, ist freilich nicht bekannt. Jedenfalls trägt die gemeinnützige Stiftung, die das Dunbrody-Projekt initiiert hat, den Namen des berühmtesten aller Kennedys. Das Heimathaus von JFK's Großvater ist in New Ross nordöstlich von Waterford zu besichtigen. Der Hof wird noch heute bewirtschaftet, von Patrick Grennan: Dessen Mutter ist eine Cousine dritten Grades von JFK.

Grennan betreut auch das kleine Museum des Kennedy Homestead. Es dokumentiert die damaligen ärmlichen Lebensumstände, die Geschichte des Clans und die Irland-Besuche des US-Präsidenten und seiner Familie. Und da der Mythos zu einem Gutteil auf den Umständen des Todes von JFK beruht, wird natürlich auch dieses Thema behandelt - auf einem Poster, der alle Personen, die in diesem Drama eine tatsächliche oder behauptete Rolle spielen, und die tatsächlichen oder vermuteten Querverbindungen darstellt: "Who killed JFK?" Die Antwort bleibt dem Betrachter überlassen.

Dass sich die Besucher des Eröffnungsspektakels des Tall Ships' Race massenhaft zum unscheinbaren Kennedy Home- stead verirren werden, ist angesichts der enormen Konkurrenz in Waterford selbst eher unwahrscheinlich. Schon zu normalen Zeiten zählt ein Besuch in der Glasmanufaktur Waterford Crystal zum Pflichtprogramm. Den Werdegang einer Schüssel vom glühenden Klumpen bis zum allerletzten Feinschliff mitzuerleben - und dabei auch selbst Hand anlegen zu können - fasziniert erwiesenermaßen auch jene, die diesem Genre sonst weniger abgewinnen können. Schwerpunkt des Festprogrammes von 6. bis 9. Juli sind Darbietungen von Musikgruppen aus aller Welt. Sie sollen die Vielfalt der Schiffe, Mannschaften und Herkunftsländer widerspiegeln.

Ohne größere Verrenkungen lässt sich auch eine ideelle Verknüpfung zwischen dem Kennedy-Mythos und dem Schiffsrennen herstellen. JFK hat ja immer wieder das Engagement der Bürger, vor allem der Jugendlichen, für die Gemeinschaft beschworen ("Don't ask what your country can do for you . . .").

Und beim Tall Ships' Race geht es primär um die Bewährung junger Menschen in einer Gruppe unter verschärften Bedingungen: Mindestens 50 Prozent der Mitglieder jeder Schiffsmannschaft müssen zwischen 15 und 25 Jahren jung sein. Erklärtes Ziel des Veranstalters, der in Großbritannien ansässigen NGO Sail Training International, ist es, jungen Menschen soziale Kompetenz via Training in großen Segelschulschiffen zu vermitteln.

Viele der teilnehmenden Schiffe werden übrigens...

... Besuchern offen stehen, darunter mit der "Kruzenshtern" (113,5 Meter Länge) und der "Mir" (109 Meter) zwei der weltweiten größten dieser Art. Beide kommen aus Russland. Nach dem Start in Waterford am 9. Juli steuert die Regatta der Segelriesen zunächst Cherbourg-Octeville in der Normandie an. Danach geht es weiter zum nordostenglischen Hafen NewcastleGateshead, ehe Anfang August in Fredrikstad (Norwegen) der Zieleinlauf erfolgt.

Beim Verlassen der Bucht von Waterford werden die Segler, beobachtet auch von Champagner nippenden Gästen des Dunbrody Hotels, einen der ältesten Leuchttürme der Welt passieren: The Hook Lighthouse, Anfang des 12. Jahrhunderts errichtet und noch immer in Betrieb.

Der irische Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney hat ein Gedicht über die Halbinsel geschrieben, an deren Spitze The Hook steht. Die Schlussworte klingen wie eine Kurzbeschreibung dieses Landes der Extreme: "Things founded clean on their own shapes, water and ground in their extremity."

Informationen zu Waterford


www.discoverwaterford.ie
Zur Region: www.southeasttourism.ie
Zum Tall Ships' Race: www.waterfordtallshipsrace.ie


Unterkunft:

Dunbrody Country House
Hotel: www.dunbrodyhouse.com
Spekulationen zum Kennedy-Mord unter: www.whokilledjfk-wallchart.com


Anreise:

Die Lauda Air fliegt im Sommer ab Wien, Salzburg und Innsbruck nach Dublin: www.laudaair.com
Irland Information: Tourism Ireland, Libellenweg 1, A-1140 Wien;
Tel.: 01/914 13 51 Fax: 01/911 37 65
www.tourismireland.at

(Der Standard/rondo/17/06/2005)

Von Josef Kirchengast
  • Waterford
    foto: der standard/kirchengast

    Waterford

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