Die Libro-Rettberg-Saga

12. Juli 2005, 15:17
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Börsendarling, Großinsolvenz

Wien - Vom Buchhändler über Schilling-Milliardär zum gesuchten Flüchtling: Bei Libro, das nach seinem Konkurs vom Industriellen Josef Taus erworben wurde, könnte die Libro-Rettberg-Story im Sonderangebot ein Bestseller werden.

Der 1957 in Holland geborene, gelernte Buchhändler André Rettberg begann bei Libro Salzburg und machte aus der Diskontkette den größten Medienhändler und die drittgrößte Insolvenz Österreichs.

100-prozentige Billa-Tochter

Libro wurde 1978 als billiger Buchdiskonter, später auch Musik- und Papierhändler, als 100-prozentige Billa-Tochter des Wlaschek-Konzerns gegründet. 1984 wurde Rettberg von den Billa-Chefs Wlaschek und Veit Schalle die Sanierung der angeschlagenen Diskontkette übertragen.

Als 1996 Billa von Rewe übernommen wurde, blieb Libro bei Wlaschek. Rettberg knackte durch eine Beschwerde bei der EU-Kommission das System der grenzüberschreitenden Buchpreisbindung; übrig blieben nur noch nationale Systeme der Buchpreisbindung.

Ende 1997 ging das Unternehmen an Investoren unter Beteiligung von Rettberg - mit 1400 Beschäftigten und 220 Filialen damals unter den sechs größten Buchhändlern im deutschsprachigen Raum.

Es folgte eine teure weitere Expansion der Kette, unter anderem durch die Übernahme der Amadeus-Medienhäuser im Besitz der Passauer Verlagsgruppe. Der Ausflug nach Deutschland erwies sich im Nachhinein als teurer Klotz am Bein. 1999 stieg Libro mit Lion.cc in den boomenden Internetmarkt ein, ging Ende 1999 an die Börse und mutierte zur New-Economy-Company; Rettberg wurde als "Manager des Jahres" gefeiert.

Der steile Abstieg

Von da an ging's bergab. Im Geschäftsjahr 1999/2000 - also noch vor dem Platzen der Dotcom-Blase - rutschte Libro in die Verlustzone, ab Weihnachten 2000 kämpfte das Unternehmen mit ernsthaften Liquiditätsproblemen und suchte verzweifelt vergebens nach Investoren.

Im Juni 2001 meldete Libro die Insolvenz mit 240 Mio. Euro an offenen Forderungen an. Ein anderer späterer Pleitier, Yline-Chef Werner Böhm, blitzte bei den Banken mit seinem Übernahmeangebot um eine Mrd. Schilling (72,7 Mio. Euro) ab.

Der Insolvenz folgte 2002 der Konkurs, mit 380 Mio. Euro Passiva der drittgrößte nach Konsum und Maculan seit 1954. Im November 2002 übernahm Josef Taus um fünf Mio. Euro die Reste.

Seither ermittelt die Justiz gegen Rettberg: Im März 2003 ist der Ex-Libro-Chef Erstbeschuldigter in einem Gerichtsakt, Voruntersuchungen beginnen, im Februar 2004 taucht Rettberg schließlich ab. (spu, APA, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.06.2005)

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