Mediziner im Eiltempo

8. November 2005, 10:58
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Emad Kafaji hat sein Medizinstudium in einer Rekordzeit von siebeneinhalb Semestern abgeschlossen - und das mit einem Notendurchschnitt von 1,2

Wien - Emir Kafaji betont, dass er "kein Genie" sei. "Das Studium ist für durchschnittliche Menschen konzipiert. Jeder kann es schaffen, wenn er will." Der 23-Jährige ist der Erste, der das auf zwölf Semester angelegte Studium so schnell und so erfolgreich beenden konnte - ein klein wenig kürzer als Vera Haslinger, die acht Semester brauchte (DER STANDARD berichtete).

1982 in Wien geboren, wollte Kafaji von klein auf Arzt werden. In Jugendjahren mit familiären Problemen konfrontiert, hatte er keine Lust aufs Lernen und beschloss mit 16 Jahren, alle wirtschaftlichen Zwänge hinter sich zu lassen. Mit dem Fahrrad und dem Berufsziel Fischer machte er sich auf den Weg zu einer griechischen Insel, bis seine Pläne abrupt an der serbischen Grenze endeten, die er aufgrund des Balkankrieges nicht passieren konnte. Die Reise war ein Wendepunkt in Kafajis Leben: "Mir wurde bewusst, dass ich als freier Mensch in einem freien Land lebe und mich glücklich schätzen muss, wenn ich meine Potenziale nutzen kann."

Nach Abschluss des Gymnasiums stürzte er sich ins Studium und legte das Motto "Carpe diem" so für sich aus, dass er in der 35 m²-Wohnung, die er mit seiner Freundin teilt, von früh bis spät lernte, und zwar täglich. "Ich habe auf ein normales Studentenleben vollkommen verzichtet. Das wäre mir auch zu langweilig gewesen, denn ich sehe das Leben als Herausforderung," berichtet Kafaji.

Er ist überzeugt, dass die Tatsache, dass er nicht gerade aus einem gut betuchten Hause kommt, für seine ungebrochene Motivation verantwortlich sei. "Ich habe zwar Stipendien bekommen, aber ohne die Unterstützung meines Vaters, der mir mit seiner Mindestpension die Bücher finanziert hat, wäre ich nie so schnell fertig geworden." Trotz des überlaufenen Medizinstudiums (derzeit sind rund 10.000 Studierende inskribiert) und des ständigen Kampfes um Praktikumsplätze lehnt der Rekordstudent eine Zugangsbeschränkung im Sinne eines Numerus Clausus entschieden ab. Er hätte ob seines bis dahin eher schlechten Schulerfolgs wenig Chancen auf einen Studienplatz gehabt.

Nach seiner Promotion Ende Juni wird Kafaji erst ausspannen, um sich dann seiner beruflichen Zukunft zuzuwenden. Er will Facharzt für Neurologie werden, nebenbei in der Forschung tätig sein - und sich weiterbilden. (Karin Krichmayr/DER STANDARD-Printausgabe, 15.6.2005)

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    foto: standard/cremer
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