14.000 Texte in Internet-Datenbank "sagen.at"

22. Juni 2005, 10:25
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Sammlung wird fünf Jahre alt

Die vermutlich größte Internet-Sagensammlung feiert Geburtstag: Vor fünf Jahren, im Juni 2000, ging die Datenbank "http://www.sagen.at" ins Netz. Mittlerweile enthält sie mehr als 14.000 Texte.

"Sagen der Gegenwart" oder "urban legends"

Die nicht kommerzielle, wissenschaftlich ausgerichtete Sammlung wurde vom Innsbrucker Volkskundler Wolfgang Morscher ins Leben gerufen. Rund 400 Geschichten der Sammlung sind so genannte "Sagen der Gegenwart" oder "urban legends". Sie sind die besondere Spezialität des Tiroler Volkskundlers.

Pudel zum Trocknen in die Mikrowelle

Jeder kennt sie - die Geschichten von der alten Frau, die ihren Pudel zum Trocknen in die Mikrowelle legt oder vom Klo, das ein Gast durch eine hineingeworfene Zigarette zur Explosion bringt, nachdem darin vom Grillfest übrig gebliebene Spiritus entsorgt wurde. "Urban legends" handeln aber auch von Krokodilen, die in der Kanalisation von Großstädten leben, von unfreiwilligen Organspendern, die durch Falltüren verschwinden, von Babysittern, die um Haaresbreite irren Serienmördern entgehen, oder vom netten Hündchen, das jemand vom Urlaub mitbringt und das sich dann als exotische Riesenratte entpuppt.

"Freund eines Freundes"

Die Storys sind immer dem sprichwörtlichen "Freund eines Freundes" passiert und verbreiten sich variantenreich und blitzschnell in alle Himmelsrichtungen. Oft schwingen konservative Moralvorstellungen mit. Die Botschaft lautet dann etwa: Es rächt sich, wenn man im Urlaub zu vertrauensselig ist oder seine Pflicht leichtfertig vernachlässigt. Auch Schadenfreude gegenüber den Missgeschicken anderer sind fixer Bestandteil vieler "Sagen der Gegenwart", ebenso Horror, Ekel und Sex.

Bizarr

Morscher hat die bizarren Erzählungen zusammen mit der Kunsthistorikerin Berit Mrugalska akribisch gesammelt und - geordnet nach Motiven und Herkunft - ins Internet gestellt; die Klassiker ebenso wie Unikate und Neufunde. Regelmäßig würden neue Varianten und auch neue Geschichten eintrudeln. Etwa die von der Rentnerin in Dornbirn, die einen Großalarm ausgelöst haben soll, weil sie einen entlaufenen Tiger meldete, damit aber nur ihr Kätzchen namens Tiger meinte. Oder die Ekel-Story vom Lienzer Obdachlosen, bei dem ein Zahnarzt feststellte, dass sich unter seiner Zahnprothese Maden tummelten. Das wissenschaftliche Ziel, das der Volkskundler mit seiner interaktiven Datenbank verfolgt, ist es vor allem, die Verbreitung der "urban legend" zu verfolgen, ihre lokalen Varianten zu dokumentieren und den Wechselwirkungen zwischen traditionellen und modernen Geschichten und Motiven nachzuspüren. (APA)

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