Das Tür-auf-Spiel

19. Juni 2006, 09:06
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Es war vor drei Tagen. Und eigentlich wollte ich mir die Geschichte aufheben...

Es war vor drei Tagen. Und eigentlich wollte ich mir die Geschichte aufheben. Aber angesichts mancher zuletzt geposteten Effizienz- und Fahrplanglorifizierung, scheint es angebracht, vor der Frau mit dem Haltestellentick zu warnen. Auch wenn ich sie selbst bisher erst einmal erlebt habe.

Aber das kann auch daran liegen, dass ich nur selten mit der Straßenbahn im 18. und 19. Bezirk spazieren fahre. Und dort treibt sich die Frau mit dem flinken Haltefinger angeblich mit Vorliebe herum. Oft in Haltestellen. Viel lieber aber auch in der Straßenbahn. Zumindest so lange, bis sie von irgendwem rausgeschmissen wird.

Blockade

Die Frau mit dem Haltefinger drückt nämlich auf jeden Türöffnerknopf, den sie erreichen kann. Und wenn die Tür einmal offen ist, schaut sie, wie lange sie sie blockieren kann, ohne dass jemand es bemerkt: Sie steht in Doppelhaltestellen scheinbar unbeteiligt neben dem Zug und schaut friedlich in die Landschaft. Und sobald die Tür sich zu schließen beginnt, schwingt sie einmal kurz ihr Einkaufsackerl. Husch – geht die Tür wieder auf.

Manchmal – etwa als ich sie erlebte – traut sie sich auch weiter vor. Dann stellt sie sich mit einem Fuß in die Tür. Und so, als würde sie sie für jemanden aufhalten, der rasch noch über die Straße auf die Haltestellen-Verkehrsinsel hetzen muss, blickt sie dann mit angestrengt-freundlich-aufmunterndem Gesicht konzentriert die Straße entlang. Wenn sie jemand auffordert, die Tür freizugeben, antwortet sie. Höflich: Es sei doch noch jemand am Weg zum Zug. Und auf eine Sekunde käme es nicht an. Natürlich – ich habe das Spiel drei Stationen mitverfolgt – kommt da niemand.

Toter Winkel

Die Frau mit dem Haltefinger profitiert auch davon, dass der Fahrer sie nicht sehen kann. Zumindest dann nicht, wenn sie eine alte Straßenbahngarnitur aufhält. Erst wenn sie die Tür des Waggons ­ blöd ist sie ja nicht: sie nimmt den Waggon und nicht den Triebwagen – so lange blockiert hat, dass der Fahrer aussteigt um zu schauen, ob da eine Störung vorliegt, gibt sie auf. Und setzt sich hin. Wenn man Pech hat, im Waggon – dann geht das Spiel bei der nächsten Haltestelle wieder von vorne los.

Als ich die Frau mit dem Haltestellenknacks erlebte, schaffte sie es über drei Stationen, den Fahrer – und die Fahrgäste – zum Narren zu halten. Mehr als „nicht schon wieder“ brachte aber kein Mitleidender heraus, als sich die Haltestellenfrau knapp vor dem Gürtel dann schon wieder in die Tür stellte. Als aber der Fahrer ­ das Gesicht im Farbton seines Dienstjankers – das dritte Mal anrückte, stieg sie doch aus und begann, den Fahrplan an der Haltstellentafel zu studieren.

Als die Straßenbahn weiterfuhr, sah ich zurück: Die nächste Straßenbahn war bereits – nicht zuletzt dank der Arbeit der Türaufhälterin – in die Station eingefahren. Und die Frau mit dem Haltestellentick stieg ein.

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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