Treffpunkt Jackson

19. Juli 2005, 16:09
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Programme sind umzuwerfen, wenn das Tempo gehalten werden soll; das Abbilden der Realität verschmilzt mit dem Kommentar

TV ist grausam flink. Es kann dabei sein, wenn was passiert, bedeutet also Stress. Programme sind umzuwerfen, wenn das Ereignistempo gehalten werden soll; das Abbilden der Realität verschmilzt mit dem Kommentar. An sich unmenschliche Anforderungen. Aber so ist der TV-Job. Besonders nervige Situation: Man weiß zwar, dass gleich Wichtiges passiert. Aber wann genau und wie lange es dann dauern wird, ist unklar.

An sich also toll, dass der Aktuelle Dienst es wagte, kurz vor dem Jackson-Freispruch "Treffpunkt-Kultur" zu unterbrechen, um Korrespondent Raimund Löw mit Armin Wolf plaudern zu lassen. Es tat sich noch nichts. Löw meinte nur, die Anklageschrift schwenkend, die Urteilsverlesung würde sehr lange andauern. So ging man auseinander, Erna Cuesta konnte weitermachen.

Letztlich war der überraschende Einstieg jedoch nur ein tragischer Triumph und Löws Einschätzung ein ebensolcher Irrtum. Als man nämlich wieder einstieg und begann, das Urteil zu übersetzen, war auf CNN "Nicht schuldig!" schon fünfmal zu hören gewesen – ORF-Glück, dass es zehn Anklagepunkte gab! Dennoch, das komische Gefühl einer vergurkten Chance blieb zurück.

Allerdings: Allein wegen der Kultursendung hat sich der schlecht getimte Versuch gelohnt! Dass die vom "Treffpunkt" notorisch vernachlässigte Popkultur in die Sendung gerade in Form eines erstarrten Mannes einbrach, dessen Gesicht auch eine Art lebenslange Haft darstellt, erscheint als durchaus gerechte Strafe. (tos/DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2005)

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