Bulgarien: An die Euro-Zone angedockt

12. Juli 2005, 12:47
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Bulgariens gutes Investitionsklima ist auch Folge einer De-facto-Währungsunion

Das Logo ist bekannt, weshalb auch dem Ungeübten die Entzifferung der cyrillischen Schriftzeichen etwas leichter fällt: Das schwarze Giebelkreuz auf gelbem Grund ist im Straßenbild von Sofia nicht zu übersehen.

Mit einem Marktanteil von rund acht Prozent am bulgarischen Bankengeschäft zählt die Tochter der österreichischen Raiffeisen International zu den führenden ausländischen Instituten.

Die Raiffeisenbank (Bulgaria) EAD nahm 1994 als erste voll im Eigentum einer westlichen Bank befindliche Tochter den Betrieb auf. Ende 2004 stand sie nach Angaben der Bulgarischen Nationalbank mit einer Bilanzsumme von mehr als einer Milliarde Euro auf Rang vier.

Raiffeisen unterhält in ganz Bulgarien 52 Geschäftsstellen mit mehr als 800 Mitarbeitern. Zum Vergleich: Die HVB hält über ihre bulgarische Tochter ungefähr zehn Prozent Marktanteil. Bei den Versicherungen ist die Grazer Wechselseitige eines der führenden ausländischen Unternehmen in Bulgarien.

Brief aus Brüssel

Nach dem bisherigen Fahrplan soll Bulgarien gemeinsam mit Rumänien am 1. Jänner 2007 der EU beitreten. Eine Verschiebung um ein Jahr ist allerdings möglich, wenn die in den Beitrittsverträgen vereinbarten Kriterien nicht erfüllt sind.

Erst jüngst haben beide Länder Warnbriefe von der Brüsseler Kommission erhalten. Im Fall Bulgariens sind die Bereiche, in denen noch starker Handlungsbedarf besteht, Dienstleistungen, Unternehmensrecht, Landwirtschaft, Umwelt, Justiz und Inneres.

Was die Wirtschaftsentwicklung betrifft, so besteht indes wenig Grund für Kritik. Im Gegenteil: Die wichtigsten Kennzahlen spiegeln ein unverändert günstiges Investitionsklima wider. (Österreich ist derzeit übrigens Auslandsinvestor Nummer eins.)

5,5 Prozent Wachstum

Das Wachstum dürfte heuer erneut rund 5,5 Prozent erreichen, die Inflation mit prognostizierten 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr (6,1 Prozent) fast halbiert werden, die öffentliche Verschuldung von 41 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2004 auf 30 Prozent sinken.

Und wovon man in der "alten" EU nur träumen kann: Auch für 2005 wird ein Budgetüberschuss erwartet: nach 1,7 Prozent des BIP im Vorjahr immerhin noch ein Prozent.

Die Budgetpolitik ist denn auch ein zentrales Thema des Wahlkampfes für die Parlamentswahlen am 25. Juni. Vor allem die postkommunistische linke Opposition verlangt höhere soziale Ausgaben zur Abfederung der Härten der Reformpolitik, stellt den Wirtschaftskurs der Mitte-rechts-Regierung unter Premier Simeon Sakskoburggotski aber nicht grundsätzlich infrage.

Relativ unabhängig

Auch Nationalbankchef Ivan Iskrov erwartet nach den Wahlen keine finanzpolitische Wende, wie er vor Kurzem zu österreichischen Journalisten sagte. Ohnedies sei die Unabhängigkeit der Notenbank gesetzlich gesichert.

Wobei diese Unabhängigkeit relativ ist: Die bulgarische Währung, der Lew, ist seit 1997 an die D-Mark und seit Einführung des Euro an diesen gebunden. De facto gehört Bulgarien also bereits zur europäischen Währungsunion. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.06.2005)

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