Glück und Ende eines Börsengenies

12. Juli 2005, 12:47
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Das Ermittlungsverfahren gegen den im Jahr 2003 in Wien verhafteten ungarischen Skandal-Broker Attila Kulcsár steht vor Abschluss

Nach fast zwei Jahren wollen die ungarischen Strafverfolger in dieser Woche das Ermittlungsverfahren gegen den im Juli 2003 in Wien verhafteten Skandal-Broker Attila Kulcsár abschließen. Der einstige Chef der Equities-Tochter der Budapester K&H-Bank steht unter dem dringenden Verdacht, mehr als 20 Milliarden Forint (84 Mio. Euro) unterschlagen zu haben.

Kulcsár, der sich mit der Aura des Börsengenies umgab, war so etwas wie der Haus-Broker des Budapester Jetsets. Berühmte Fernsehreporter, Künstler und Sportler ließen ihr Geld von Kulcsár anlegen und mehren. Sie schätzten seine Diskretion und – nicht zuletzt steuerschonende – Formlosigkeit: Die fetten Renditen brachte der "Taxis Gyuszi" (Jussi, der Taxifahrer) schon einmal im Plastiksackerl vorbei. Dumm nur, dass sie auf dem Sand aller Pyramidenschemen gebaut waren: Am Ende finanzierte das "Börsengenie" sie aus den Einzahlungen der neu Eingestiegenen, bis notwendigerweise die Blase platzte.

Schwarzwechsler Der einstige Maurergehilfe verdankt seinen Aufstieg zum Wertpapier-Zampano nicht nur seiner unbestreitbaren Ader fürs Geschäftliche. Die hatte er schon während der Jugoslawienkriege als ungekrönter Schwarzwechsler-König der Kleinstadt Nagykanizsa nahe der Grenze zu Kroatien unter Beweis gestellt. Offenbar war ihm auch die Kontaktfreudigkeit in die Wiege gelegt, die ihn an das Establishment der seit 2002 regierenden ungarischen Sozialisten (MSZP) heranführte.

Kulcsárs drohendes Auffliegen im Frühsommer 2003 löste dort erhöhte Nervosität aus. Der für die Geheimdienste zuständige sozialistische Staatssekretär András Tóth soll ihn, so behauptete Kulcsár in den Vernehmungen, kurz vor seiner Flucht nach Österreich sogar um eine Kundenliste gefragt haben, um die in die Affäre verstrickten MSZP-Politiker zu lokalisieren. Tóth bestreitet freilich den Vorwurf und argumentiert mit der geringen Glaubwürdigkeit des gefallenen Börsenjongleurs. (Gregor Mayer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.6.2005)

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    Attila Kulcsár, ehemaliger "Haus-Broker" des Budapester Jet-Sets.

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