"Yukos ist Schnee von gestern"

12. Juli 2005, 12:47
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Die österreichischen Finanzberater Herbert Schiller und Wilfried Pototschnig über Russlands Wirtschaftsklima nach der umstrittenen Yukos-Urteil

STANDARD: Stellt man sich Russland im Westen falsch vor?

Schiller: Nach unseren Erfahrungen ja. Nämlich viel komplizierter, als es tatsächlich ist. Freilich gibt es die Momente, wo Leuten die Augen aufgehen, wenn sie herkommen und Unerwartetes sehen.

STANDARD: Wie hat sich die Yukos-Affäre auf das gesamte Wirtschaftsklima ausgewirkt?

Pototschnig: Die Yukos-Affäre hat dem Ansehen Russlands geschadet. Doch vielleicht werden russische Unternehmen diesen Fall zum Anlass nehmen, ihre Transparenz und Corporate Governance nachhaltig zu verbessern, was folglich den Zugang zu internationalen Kapitalmärkten erleichtern soll.

Die Angst vor großflächigen Enteignungen im Land ist jedenfalls nicht da. Größere ausländische Unternehmen wie Ölkonzerne haben freilich ihre Entscheidungen bis auf Weiteres auf Eis gelegt. Und generell holen sie sich für Investitionen natürlich den Segen von ganz oben im Kreml.

STANDARD: Auf Eis gelegt – also doch eine gewisse Verunsicherung. Firmen, die allmählich in die Transparenz gingen, tauchten plötzlich wieder ab.

Pototschnig: Unsicherheit ist vielleicht der falsche Ausdruck. Sagen wir erhöhte Aufmerksamkeit. Es wird weniger von der Yukos-Affäre abhängen als von der generellen Entwicklung des Landes. Etwa, ob Russland noch das hohe Wachstum produzieren wird wie in den letzten Jahren.

Die Transparenz hat über die Jahre hin zugenommen, denn viele haben erkannt, dass man sonst keine Chance auf langfristige Kreditfinanzierungen oder Börsengänge auf internationaler Ebene hat.

Schiller: Ich würde nicht sagen, dass Leute wieder in die Intransparenz abtauchen. Überhaupt hört man häufig, dass Yukos Schnee von gestern sei. Es steht bereits vielmehr die Rosneft-Geschichte in Kombination mit Gasprom und deren Öffnung für ausländische Investoren auf der Tagesordnung.

STANDARD: Die großen potenziellen Investoren holen sich den Segen im Kreml. Welchen Schutz haben kleinere Unternehmen?

Schiller: Die Kleinen investieren ja in ganz anderen Bereichen. Im Erdöl- und Rohstoffbereich sind ja fast alle Unternehmen aus der Sowjetzeit, die eben eine Privatisierungsgeschichte mit den entsprechenden Risiken haben.

Die kleinen und mittleren Betriebe, woher ja die Mehrzahl der westlichen Investoren kommt, investieren in der Konsumgüterindustrie oder in anderen Bereichen, wo ihre Übernahmekandidaten nach 1990 gegründet wurden und entsprechend frei sind von diesen ganzen Privatisierungsrisiken, oder sie tätigen überhaupt Investments auf der grünen Wiese.

STANDARD: Wie aber zuletzt Beispiele gerade auch von österreichischen Investoren gezeigt haben, kommen auch auf kleinere Unternehmen gehörige Risiken wie plötzliche Baustopps usw. zu

Schiller: Das sind wieder andere Risiken. Zu den konkreten Fällen kann ich nichts sagen.

STANDARD: Wenn also erhöhte Aufmerksamkeit angebracht ist, was raten Sie dann potenziellen westlichen Investoren?

Pototschnig: Ein Emerging Market ist per se riskant – auch in Indien oder China. Das Risiko wird dann ja mit höheren Erträgen und Gewinnen kompensiert. >Aber man muss differenzieren, ob man etwa ein Thema mit juristischen Altlasten kauft oder ein Greenfield bzw. Joint Venture eingeht mit neuen Unternehmen. Bei Greenfields ist das Risiko eigentlich limitiert.

Schiller: Bei Altlasten ist immer Vorsicht angebracht, die Risiken liegen oft im Bereich der Steuerhinterziehung. Außerdem ist oft die tatsächliche finanzielle Lage eines Unternehmens schwer zu beurteilen. Ein Gebot, auf das wir pochen, ist, alles auf dem Boden der Gesetze zu machen. Also auf keine absurden Strukturen oder steuerlich riskanten Modelle auszuweichen.

STANDARD: In welchen Branchen würden Sie einen Einstieg besonders raten?

Pototschnig: Was Mergers und Aquisitionen mit großem Potenzial betrifft, so sind dies der Finanzsektor wie Banken und Versicherungen. Wir haben rund 1300 Banken in Russland, davon ist die überwiegende Mehrheit extrem unterkapitalisiert. In vielen Fällen fehlt das nötige Know-how.

Ich gehe davon aus, dass nicht nur in Russland, sondern auch in der Ukraine und in anderen GUS-Staaten einige Banken zum Verkauf anstehen werden. Beim nötigen Geld würde ich eine Bank mit einem flächendeckenden Filialnetzwerk kaufen.

Zum anderen erwartet sich die Bevölkerung neue und attraktive Produkte in erster Linie im Bereich Consumer-Finance. Hoch im Kurs stehen der Dienstleistungssektor oder Investitionen im Immobilienbereich.

Schiller: Perspektivenreich ist die Konsumgüterindustrie, da ja die privaten Einkommen wachsen und die Inlandsnachfrage immer größer wird. Die Produktion im Land steigt. Ich würde Kapital in die Produktion für den lokalen Markt investieren, etwa eine Brauerei. Russland ist kein Billiglohnland für eine Produktion für den Reexport.

Pototschnig: Noch steht die Diversifikation der Wirtschaft weg von der Öl- und Gaslastigkeit und anderen Bodenschätzen bevor. Aber es tut sich was. Immer mehr kommt auch die Variante des Management Buyout zur Geltung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.06.2005)

Zur Person

Herbert Schiller und Wilfried Pototschnig sind im Management für Finanzberatungsdienste der Firma KPMG in Moskau tätig, die ausländische Investoren über Chancen und Risiken bei Unternehmensübernahmen wie auch lokale Unternehmen bei deren Veräußerungen in Russland berät.

Das Gespräch führte sprach Eduard Steiner.
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