Die spürbare Dunkelheit

16. März 2006, 12:23
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Abstieg in den von Schülern wiederbelebten Luftschutzbunker

Dumpfe Treppen führen in immer dichtere Dunkelheit. Feuchtigkeit hat über Jahre Stalaktiten gespeist, die nun bedrohlich von der Decke hängen. Man verlässt die Erdoberfläche und scheint in eine andere Zeit einzudringen - der Abstieg in den Tiefbunker im Arne-Karlsson-Park im 9. Wiener Gemeindebezirk. Seit 1945 wurde dieses 800 m² große Bauwerk, das während des Zweiten Weltkriegs Zuflucht vor Bomben bot, nicht mehr verändert.

Bis jetzt. Die Pädagogische Akademie Wien, die Künstlerische Volkshochschule und Schüler der Volksschule Galileigasse und des Erich-Fried-Gymnasiums haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Bunker zugänglich zu machen, mit Information zu füllen und diese noch bis 30. Oktober zu präsentieren. Folien an der Wand, Kunstinstallationen und zahlreiche Bilder beschreiben in 44 Räumen die Zeit zwischen 1938 bis 1955 mit Berücksichtigung unzähliger Aspekte und Schicksale. "Viele Leute waren unten total berührt", erzählt Sonja Lech (14) vom Erich-Fried-Gymnasium, die gemeinsam mit Mitschülern durch die Ausstellung führt. "Manche kamen öfters, weil sie sagten, das könne man sich gar nicht alles auf einmal anschauen."

Tristesse und Tragik

Das Konzept, unter dem die Ausstellung Durch die Dunkelheit und zurück konstruiert wurde, ist sinnvoll. Zu Beginn, solange man noch Tageslicht spürt, wird über Zwischenkriegszeit und ideologische Einflüsse nachgedacht. Ist man in der Tiefe angelangt: schlagartige Änderung - der Krieg hat begonnen. 44 Räume berichten von der Tristesse und Tragik eines "totalen Krieges". Beim Aufstieg beginnt dann der Wiederaufbau, ausgangs ist schließlich der Staatsvertrag zu sehen. "Man erfährt körperlich einen Abstieg in die Grauslichkeit - das ist plakativ", erklärt Willi Urbanek, Geschichtslehrer am Erich-Fried-Gymnasium, der auch an der Ausstellungsorganisation beteiligt ist.

Auch die künstlerische Auseinandersetzung ist eindrucksvoll. "Kammer der Angst" heißt etwa ein Zimmer, in dem künstliche Hände an der Wand unter Stroboskoplicht vermeintlich nach einem greifen. Aber nicht alle Hände sind in böser Gestik - es gilt, genau zu beobachten. Dieser Grundgedanke der genauen Betrachtung zieht sich durch die ganze Installation.

Da die Schüler auch den Führungspart übernehmen, können sie ihr Wissen Gleichaltrigen auf einer anderen Ebene vermitteln. Garantiert ist ein neuer Zu- und Umgang mit dem heiklen Thema Nationalsozialismus, der zum Denken anregt und nicht so schnell vergessen sein wird.

(DER STANDARD-Printausgabe, 14.6.2005)

Vereinbarung von Führungen:

bunkerfuehrung@gmx.at
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