Mit Blick über die Wohlstandskante

12. Juli 2005, 12:46
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Die Brückenkopffunktion Wiens zu den Märkten im Osten gewinnt quer durch alle Branchen wieder an Bedeutung

Eine Erkenntnis Metternichs, die bis heute nichts an Gültigkeit eingebüßt hat, lautete: Der Balkan beginnt am Rennweg. Geriet jedoch die Brückenkopffunktion Wiens in den "neuen" Osten in den letzten Jahren gehörig unter Druck, hat sich das Blatt wieder gewendet.

"Zu unserer Überraschung haben wir in den ersten fünf Monaten erstmals seit 2000 wieder mehr Headquarter-Ansiedlungen verzeichnet", freut sich René Siegl, Chef der staatlichen Betriebsansiedlungsagentur Austrian Business Agency (ABA).

Wien ist wieder in

Zwischen den Jahren 2000 und 2004 sank die Zahl der jährlich im Wiener Raum errichteten Osteuropazentralen von 20 auf zwei. Bis Mai konnte die ABA bereits fünf solcher Investitionsprojekte an Land ziehen. Wien als Ostdrehscheibe ist wieder in, der Standort hat gegenüber der Konkurrenz Prag, Bratislava, Budapest Boden gutgemacht.

Die ABA nennt die niedrigen Lohnstückkosten, die hohe Produktivität, Ausbildung und Motivation der Beschäftigten als Argumente. Die ausgebaute Forschungsförderung sowie die Steuerreform mit der neuen Gruppenbesteuerung - sie ermöglicht die Verlustverrechnung über die Grenze - seien als wichtige Argumente dazugekommen.

Nahezu 100 internationale Konzerne bearbeiten heute von Wien aus die Märkte der neuen EU-Mitglieder im Osten, die zweistelligen Zuwachsraten im Ostexport sprechen für sich.

Wifo-Experte Markus Marterbauer: "Die Firmen steigern mit diesen Investitionen ihre Konkurrenzfähigkeit und die heimischen Banken verdienen prächtig in den Beitrittsländern. Auch das Wirtschaftswachstum wurde beschleunigt, wenn auch nicht rasend."

Sandoz-Abwanderung eher die Ausnahme

Abwanderungen wie jene des Generikaspezialisten Sandoz gelten dabei eher als Ausnahme, öfter werden erfolgreiche Firmenstandorte wie zuletzt die Österreich-Tochter des schwedischen Haushaltsgeräteherstellers Electrolux aufgewertet, indem sie neue Länderkompetenzen im Osten dazu bekommen.

In aller Munde ist derzeit die Betreuung der BA-CA mit sämtlichen Osteuropa-Aktivitäten des Unicredit-HypoVereinsbank-Konzerns.

Aktuelle Umfragen, wie jene von Neuberger Research unter 300 Osteuropa-Verantwortlichen, belegen die hohe Zufriedenheit der Konzerne mit dem Standort. Als Hauptargument gilt querbeet die geografische und mentale Nähe Wiens zu Osteuropa.

Verkehrsanbindung verbesserungswürdig

An Rahmenbedingungen, die verbessert gehörten, wünschen sich die Manager niedrigere Lohnnebenkosten sowie eine bessere Verkehrsanbindung. Doch 79 Prozent der Befragten würden den Standort auch dann "überhaupt nicht" oder "eher nicht" in eine andere Region verlegen, sollten sich die Rahmenbedingungen nicht ändern. Nur 35 Prozent glauben, die Bedeutung Wiens als Standort für internationale Konzerne werde künftig abnehmen, 59 Prozent sind der gegenteiligen Ansicht.

Vor allem deutsche Konzerne investieren wieder verstärkt, die Zahl der abgeschlossenen Investitionsprojekte stieg in den ersten fünf Monaten von neun auf 19. Das Vorjahr war für die ABA betrüblich.

Zwar stieg die Anzahl der Investitionsprojekte, doch der Geldfluss versiegte. Ein Hintergrund war die Investition von mehr als 900 Mio. Euro von Hutchison ("3") im Jahr davor. Solch ein Großprojekt blieb 2004 aus.

"Wohlstandskante"

Wiens Finanzstadtrat Sepp Rieder wünscht sich Verbesserungen in der Infrastruktur, um die Attraktivität des Standortes abzusichern. "Wir liegen an einer Wohlstandskante, die sich verschiebt." Umso wichtiger sei der rasche Ausbau der Verbindungen Wien-Bratislava, Wien-Budapest sowie Linz-Prag.

Siegl: "Hier wurden die Entwicklungen viel zu lang verschlafen." Für den Forschungsstandort nennt Rieder das Vienna Biocenter als vorbildlich. 700 Wissenschafter aus 40 Ländern arbeiten hier. Eine Internationalität, die sich auch "normale" Firmen wünschen.

Hinderlich sind die siebenjährigen Arbeitsmarkt-Übergangsfristen. Siegl: "Wer hier mit Blick Richtung Osten investiert, will auch Mitarbeiter aus diesen Ländern beschäftigen dürfen." (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.06.2005)

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ABA
  • Am Wiener Rennweg mit Blick auf das Russendenkmal beginnt nicht nur der Balkan, sondern es öffnet sich auch das Tor zum Osten für eine Unzahl internationaler Investoren.
    foto: der standard/matthias cremer

    Am Wiener Rennweg mit Blick auf das Russendenkmal beginnt nicht nur der Balkan, sondern es öffnet sich auch das Tor zum Osten für eine Unzahl internationaler Investoren.

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