"Können den Bedarf nicht abdecken"

14. November 2005, 10:42
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Verein "Ohel Rahel" sammelt Spenden für Bedürftige für koschere Lebensmittel

Wien - Wohltätigkeit sei eine Verpflichtung, sagt Renate Erbst - und die höchste Stufe erreiche man dann, wenn Spender und Empfänger einander nicht kennen. Beide Punkte sieht Erbst in der von ihr gegründeten Initiative "Ohel Rahel" erfüllt.

Es ist ein jüdischer Wohltätigkeitsverein. Sein Ziel: sich um die Bedürftigen der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) kümmern. Und das werde immer schwieriger, so Erbst: "Derzeit kämpfen wir ums Überleben." Öffentliche Zuschüsse gebe es keine, "obwohl wir die dringend brauchen". Was bleibt, sind Spender und Sponsoren, die momentan wieder gesucht werden - etwa am Sonntag, dem 26. Juni. Ein Charity-Event ist geplant. Ehrenschutz: Bundespräsident Heinz Fischer.

20 Prozent an der Armutsgrenze

Knapp 20 Prozent der Gemeindemitglieder, schätzt Erbst, leben an der Armutsgrenze oder darunter - Tendenz weiter steigend. Im Gründungsjahr des Vereins 1999 wurden zirka 12.000 Euro verteilt. 2005 sollen es 60.000 Euro sein. Erbst: "Wir können den gesamten Bedarf nicht abdecken."

Der Verein sammelt Geld für Lebensmittelgutscheine, die in diversen koscheren Geschäften als Zahlungsmittel zugelassen sind. Damit Spender und Empfänger nicht in persönlichen Kontakt kommen, werden die Bons über die Kultusgemeinde oder über drei Rabbiner vergeben. Für 2004 heißt das in Zahlen: Insgesamt wurden 9170 Gutscheine verteilt. Der Großteil ging an österreichische Staatsbürger (4871), wobei 27 Prozent der Bedürftigen unter neun Jahre alt waren.

Traum vom Mittagstisch

Von ihrem Traum scheint Erbst weit weg: einem "Mittagstisch". "Das wäre auch ein Ort der Kommunikation. Wer kein Geld hat, sollte um einen Euro ein ordentliches, koscheres Essen erhalten."

Bei der Charity-Veranstaltung am 26. Juni wird es auch einen Vortrag zum Thema "Soziales Leben in Wien vor 1938" geben. Denn damals existierte noch der Vorläuferverein: "Ohel Rachel, Verein zur unentgeltlichen Ausspeisung jüdischer Notleidender in Wien". 1922 gegründet, unterhielt der Verein eine Armenküche im zweiten Bezirk, in der Schwarzingergasse 8. Die IKG hat 2001 eine Aufstellung des Gemeindevermögens präsentiert: 636 Vereine wurden liquidiert. Einer von ihnen war "Ohel Rachel". (Peter Mayr, DER STANDARD – Printausgabe, 14.06.2005)

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