Radschlossmysterium

14. Juni 2005, 20:09
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Es war vor vier Tagen. Jedenfalls habe ich es da bemerkt. Es geht um mein Fahrrad. Genauer: um mein Fahrradschloss. Aber der Reihe nach...

Es war vor vier Tagen. Jedenfalls habe ich es da bemerkt. Wann das Delikt aber gesetzt worden ist, weiß ich nicht. Aber auch sonst ist mir seither einiges unklar. Nur dass es vor allem die kleinen Dinge sind, die das eigene Koordinatensystem komplett durcheinander bringen, verstehe ich seither – wieder – ziemlich gut.

Es geht um mein Fahrrad. Genauer: um mein Fahrradschloss. Aber der Reihe nach. Als ich vor vier Tagen – nach einer Woche Rad- und Wienabstinenz – in der Garage unseres Hauses mein Rad holen wollte, war ich zunächst nur verwundert: Dass ein Fahrrad im Laufe einiger Tage seine Position verändert, ist ja nicht weiter schlimm. Noch dazu, wenn es so abgestellt ist, dass jeder andere, der zu seinem Rad will, daran vorbei muss.

Unversperrt

Nur dass das Ding diesmal am anderen Ende der Garage an der Wand lehnte, war ungewöhnlich – allerdings nur so lange, bis ich sah, dass mein Rad unversperrt war: Entweder, dachte ich, hat irgendwer das Rad einmal zur Seite geschoben – und dann ist es immer weiter gerückt worden. Oder ein Nachbar hat es sich für eine Spritztour ausgeborgt und es dann (immerhin) wieder zurückgebracht.

Nur: So fahrraddiebstahlhysterisch wie ich bin, kann ich mir nicht vorstellen, das doch nicht ganz billige Teil nach seiner letzten Benutzung tatsächlich nicht – so wie sonst auch immer – an A.s Rad angehängt zu haben. Vielleicht, dachte ich, hatte ich das Bügelschloss ja nicht ordentlich zugesperrt – und U- und Sperrbügel seien auseinander gefallen. Denn am Rahmen meines Rades war kein Schloss. Weder durch die Speichen geschoben, noch in seiner Transportbefestigung.

Offener Fixierhebel

Aber der kleine Hebel, der das Schloss während der Fahrt in der Halterung fixiert, war herausgeklappt: Der letzte, der mit dem Rad gefahren war musste das Schloss herausgenommen haben – weil der kleine Stift nämlich so idiotisch montiert ist, dass er sonst bei jeder Kurbeldrehung schmerzhaft mit der rechten Wade kollidiert. Ich ging zu A.s Rad – und suchte: Kein Schloss.

Ich suchte die Garage ab: Unter den Autos, in den Körben und auf den Stangen der anderen Räder. Zwischen auf und in den in einem Eck gestapelten Winterreifen. Nichts. Und je länger ich suchte, um so sicherer war ich, das Rad zuletzt ganz bestimmt abgesperrt zu haben. Weil ich mich noch geärgert hatte, dass ich immer A.s und meine Radschloss-Schlüssel verwechsle und mir vorgenommen hatte, die Schlüssel farblich zu markieren. Egal – das Schloss war weg. Ich suchte noch einmal jede Stange an meinem Rad ab: Nichts.

Angehängt

Ich schnallte mein Rad mit dem von A. (mit ihrem Schloss) zusammen und rief A. an: Ob sie mein Fahrradschloss gesehen habe? A. schnaubte: Natürlich habe sie. Und sich geärgert: Ich hätte mein Rad nämlich an ihres gehängt – und sei dann für eine Woche verreist. Den Schlüssel hätte ich mitgenommen. Sie habe bloß noch keine Zeit gehabt, sich bei mir dafür zu bedanken, dass sie ihr Rad nicht verwenden konnte. Ob ich sonst noch Fragen hätte?

Ja, gab ich kleinlaut zurück, eine: Wo ist mein Schloss? Da war dann auch A. ratlos. Sicherheitshalber fragte sie noch, ob ich sicher sei, dass mein Rad noch da sei. Es sei ja möglich, dass ich mein Rad erst dann wahr nähme, wenn ich das Schloss geöffnet hätte und ... Aber sie hörte auf, bevor ich sauer werden konnte. Ich suchte die Garage noch einmal ab: Kein Schloss.

Neue Deliktart

Natürlich wurde ich zuerst ausgelacht. Dann kamen die Erklärungsversuche. Dann die Deutungen und die Verschwörungstheorien. Zwischendurch wollten mir einige Leute beweisen, dass ich blind sei – und suchten mein Rad und die Garage ab. Vergebens. Zuletzt wurde ich beneidet: Anderen Leuten würden die Räder geklaut und nur die Schlösser blieben –zerstört – zurück. Da sei ich doch besser dran und könnte überdies damit angeben, Opfer einer völlig neuen Deliktart zu sein: Fahrradschlossdiebstahl.

Gestern habe ich mir dann ein neues Fahrradschloss gekauft. Als ich in die Garage ging, um es in Betrieb zu nehmen, traute ich meinen Augen nicht: Mein Rad stand so wie ich es an A.s Drahtesel festgemacht hatte an seinem Platz. Am Mittelrohr baumelte ein Schloss. Mein Schloss. Und auf einem Post-It am Sattel stand eine Nachricht: "Ätsch!"

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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