Europas "letzter Stalinist" Alvaro Cunhal ist tot

26. Juli 2005, 13:35
9 Postings

Ehemaliger KP-Chef starb mit 91 Jahren - Widerstandskämpfer gegen Salazar verbrachte viele Jahre im Gefängnis und im Exil

Lissabon - Der langjährige Führer der portugiesischen Kommunisten (PCP), Alvaro Cunhal, ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Dies teilte die Partei am Montag in Lissabon mit. Die genaue Todesursache wurde nicht genannt. Der charismatische Politiker mit dem weißen Haar und den kämpferisch blitzenden Augen hatte beim Verlassen der politischen Bühne 1992 als der "letzte Stalinist in Europa" gegolten.

Cunhal wurde 1913 in Coimbra als Sohn eines Advokaten geboren. Mit 17 Jahren trat er der PCP bei. Bereits auf der Universität von Lissabon, wo er ein Jusstudium absolvierte, war er politisch aktiv. Als Widerstandskämpfer ("Feind Nummer eins") gegen die Diktatur des Salazar-Regimes war er elf Jahre politischer Gefangener. 1960 gelang ihm auf spektakuläre Weise mit zehn weiteren Häftlingen die Flucht aus dem berüchtigten Fort Peniche. Fort Peniche galt damals als sicherstes Gefängnis des Landes.

31 Jahre als Parteichef

Die PCP führte er von 1961 bis 1992. Anfangs aus dem Exil in Moskau und Prag. Als Parteichef widersetzte er sich allen Reformbestrebungen eurokommunistischer Prägung und hielt stets am Kurs der Sowjetunion fest. So suchte Cunhal 1961 den Bau der Berliner Mauer und 1968 den Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei zu rechtfertigen.

Nach der "Nelkenrevolution" 1974, die den Weg für die Rückkehr zur Demokratie ebnete, kehrte er nach Portugal zurück. Cunhal übte großen Einfluss auf die damals regierenden Militärs aus. Dazu gehörte auch der Ministerpräsident General Vasco Goncalves, dessen Kabinett Cunhal als Minister angehörte. Der "rote General" war am Samstag - zwei Tage vor dem früheren KP-Chef - gestorben.

Cunhal genoss trotz seiner starren Linie in Portugal großes Ansehen und wurde auch von den politischen Gegnern respektiert. Seine große Leidenschaft war die Literatur. Unter dem Pseudonym Manuel Tiago veröffentlichte er mehrere Romane.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Cunhal aus Gesundheitsgründen abseits des öffentlichen politischen Lebens. Zum Parteitag der Kommunisten im Jahr 2004 schickte er jedoch eine Botschaft, die mit den Worten "Es lebe der Marxismus-Leninismus" endete. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Alvaro Cunhal, 1913-2005

Share if you care.