"Die Priorität muss sein, dass die USA das Kioto-Protokoll ratifizieren"

12. Juli 2005, 13:58
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EU-Umweltkommissar Dimas begrüßt im STANDARD-Gespräch, dass sich auch Österreich am Emissionshandel beteiligt

STANDARD: Zu Jahresbeginn startete der Handel mit Emissionszertifikaten in der EU, Österreich setzt das jetzt um. Würden Sie sagen, dass das System bisher effektiv war?

Dimas: Ja. Es ist das weltweit erste System, das am 1. Jänner gestartet ist. Es freut mich, dass nun auch Österreich dazustößt. Ich hoffe, dass wir noch mehr Länder und Bereiche integrieren können.

STANDARD: Welche Bereiche?

Dimas: Zum Beispiel den Flugverkehr, der seit 1999 um 70 Prozent zugenommen hat. Das trägt natürlich enorm zum Treibhauseffekt bei. Im Juli wollen wir von der EU-Kommission Instrumente für den Flugverkehr vorstellen. Ich bin für die Einbeziehung des Flugverkehrs in den Emissionshandel.

STANDARD: Muss nicht generell mehr getan werden in den EU-Mitgliedsstaaten, um die Kiotoziele zu erreichen?

Dimas: Natürlich sollte noch mehr getan werden, aber nicht nur in Europa. Vor allem in den Ländern, die sehr stark zur Verschlechterung des Treibhauseffektes beitragen.

STANDARD: Sie meinen die USA?

Dimas: Ich meine alle Staaten, die dazu beitragen, aber die USA sind der weltweit größte Emittent, der zu den Treibhausgasen beiträgt. Wir brauchen eine gemeinsame Politik. Aber vor allem die großen Emittenten sind gefordert, Lösungen zu finden.

STANDARD: Aber die USA weigern sich, das Kiotoprotokoll umzusetzen. Wie kann dann eine gemeinsame Lösung ausschauen?

Dimas: Ich würde sagen, dass das Problem ist, eine gemeinsame Lösung zu finden. Die USA müssen sich kooperativ zeigen. Sie haben das Kiotoprotokoll zwar unterzeichnet, aber nicht ratifiziert. Sie verfolgen eine andere Annäherung an das Problem des Klimawandels. Sie sagen, man muss mehr in Wissenschaft investieren. Das ist auch sehr wichtig.

STANDARD: Aber ist das ausreichend?

Dimas: Wir sagen, das ist wichtig, aber nicht genug. Die EU meint, dass alle großen Emittenten zusammenarbeiten sollen, auch die USA. Es gibt flexible Mechanismen, die das Kiotoprotokoll anbietet. Es kommt nun darauf an, sie umzusetzen. Denn der Klimawandel ist ein Faktum, das wir nicht länger ignorieren können. Es geht darum, etwas dagegen zu tun, sonst wird es in den nächsten Jahren noch schlimmer. Die entwickelten Staaten haben eine Pflicht, gegen den Klimawandel zu kämpfen und auch den Entwicklungsländern dabei zu helfen.

STANDARD: Einzelne US-Bundesstaaten wollen nun die Kiotoziele erreichen. Was halten Sie davon?

Dimas: Das ist nicht genug, aber doch ein Beitrag. Die Hauptverantwortung, sich um Zusammenarbeit in diesem Bereich zu bemühen, liegt bei den Regierungen, auch in den USA. Priorität muss sein, dass die USA das Kiotoprotokoll auch ratifizieren. Man muss dort das Bewusstsein schärfen, dass die Emissionen zurückgefahren werden müssen. Die Wissenschaft kann hier einen wichtigen Beitrag leisten. Ich hoffe, wir finden eine Lösung, wie wir zusammenarbeiten können.

STANDARD: Aber Sie erwarten keine Haltungsänderung unter der Bush-Regierung?

Dimas: Ich erwarte eine Haltungsänderung betreffend der Kooperation, um Lösungen zu finden. Es geht auch um die Zeit nach 2012. Eine Klimakonferenz in Montreal und der G-8-Gipfel im Juli bieten eine Gelegenheit dazu. Es ist ein wichtiges Signal, dass sich die führenden Wirtschaftsnationen damit befassen. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.6.2005)

Zur Person

Stavros Dimas (64) ist EU-Umweltkommissar und war davor Kommissar für Beschäftigung und Soziales. Der konservative Politiker hatte in Griechenland verschiedene Ministerposten inne.

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