Von den Socken

28. Juli 2005, 14:39
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Europa hatte genug Zeit, sich auf das wegfallen der Handelsschranken einzustellen - Ein Kommentar von Johanna Ruzicka

Die Tatsache, dass Europa so von den Socken war, als das Billiglohnland China mit Jahresfrist begann, seine Textilexporte kräftig anzuheben, ist an und für sich ein Treppenwitz: Der diesbezügliche Vertrag, das "Agreement on Textile and Clothing", das ein Auslaufen der umständlichen Quoten für einzelne Produktkategorien mit Ende 2004 festschrieb, hat rund zehn Jahre auf dem Buckel.

Es wäre also für die europäische Textil- und Bekleidungsindustrie genug Zeit gewesen, sich auf die Gegebenheiten einzustellen, die mit wegfallenden Handelsschranken einhergehen. Man kann nur hoffen, dass Europa die neue Frist zumindest jetzt zu nutzen weiß - und sich vom Zusammennähen von T-Shirts, Hemden und und Bettbezügen verabschiedet.

Beispiele, wo im Textilsektor die tragfähigen Zukunftsmodelle liegen, gibt es genug: Innovative Stoffe, etwa für die Sportindustrie. Die Hersteller etwa in Deutschland, die sich dem Lamento um die steigenden Importe im heurigen Jahre übrigens nicht angeschlossen haben, hatten bereits begonnen, in solche Innovationen zu diversifizieren. Oder im hoch qualitativen Trachtensegment, wo sich österreichische Firmen sehr erfolgreich etablierten.

Denn die nun ausverhandelte Frist bis Ende 2007 ist so lange nicht. China wird sie zu nutzen wissen und seine boomende Textilindustrie, die sowieso bereits an Überhitzungserscheinungen leidet, konsolidieren. Das heißt, China wird moderner werden, qualitativ hochwertiger und damit noch schlagkräftiger. Kombiniert mit den weiterhin niedrigeren Löhnen also eine reißfeste Mischung.

Auch mit der gewährten Verschnaufpause heißt es für die europäischen Textilisten: Warm anziehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.6.2005)

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