Ein schwer verliebter Harlekin

  • Probe für den Rollentausch: Lydia (Sara Forestier) und die Lehrerin (Carole Franck) in "L'esquive".
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    Probe für den Rollentausch: Lydia (Sara Forestier) und die Lehrerin (Carole Franck) in "L'esquive".

In Abdellatif Kechiches Film "L'esquive" holen Jugendliche Marivaux in die Vorstadt

Wien - Als Krimo sie das erste Mal in ihrem Kleid erblickt, ist er gleich verknallt. Lydia holt das Stück bei einem Schneider ab, feilscht noch ein wenig um den Preis, probiert es an. Es ist ihr Kostüm für eine Schulaufführung von Marivaux' Das Spiel um Liebe und Zufall. Sie sieht darin aus wie aus dem 18. Jahrhundert; entsprechend würdevoll trägt sie es auch abseits der Bühne.

Krimo beschließt, Lydias Nähe zu suchen. Er lässt sich damit auf ein Spiel ein, das Wirklichkeit und Fiktion näher zueinander rückt. Die Rolle des Harlekin erschleicht er sich, sodass er an ihrer Seite agieren kann. Obwohl alle seine Freunde sagen, Theater, das sei nur was für "Schwule".

Was Abdellatif Kechiches Film L'esquive die spezielle Grundierung verleiht, ist der Schauplatz dieser romantischen Begegnung: Es sind die Pariser Banlieues, ein sozialer Brennpunkt, der auch im Kino (etwa in Mathieu Kassovitz' La haine) meist nur als Topos für Milieudramen in Erscheinung tritt. Indem er Marivaux mit der Realität von Jugendlichen vereint, versucht Kechiche, zwei äußerst unterschiedliche Gesichter Frankreichs aufeinander abzustimmen.

Er beschönigt dabei keineswegs die Lebensverhältnisse, wählt aber mit dem Theater, das sich auf die Realität ausdehnt, einen kulturellen Weg der Austragung. Von simplen Opfer- und Täterbildern weit entfernt, meint L'esquive seinen Titel recht wörtlich: Er beschreibt eine Ausweichbewegung, wie beim Boxen, vorbei an den einzementierten Bildern des Elends der Vorstädte.

Es mag diese glückliche Fusion von Hochkultur und sozialem Realitätssinn gewesen sein, die L'esquive vergangenes Jahr zum Überraschungssieger bei der César-Verleihung werden ließ. Sara Forestier, die als Lydia ihr Debüt gibt, wurde als beste Nachwuchsdarstellerin geehrt.

Zwei Körpersprachen

Die 18-jährige Schauspielerin, die mittlerweile mit Claude Lelouche und Michel Deville zwei weitere Filme abgedreht hat, gerät im STANDARD-Gespräch ob ihres Entdeckers auch dementsprechend ins Schwärmen: "Abdellatif ist genial! Wir haben zwei Monate geprobt, sind richtiggehend in die Sprache eingetaucht und haben uns deren Musikalität und Rhythmus angeeignet. Das gilt für Marivaux wie für die Sprache der Vororte gleichermaßen - bei beiden waren Gestik, Haltung, aber auch soziale Codes enorm wichtig."

Die Sprache (auch jene der Körper) spielt in L'esquive die wesentliche Rolle: Sie distinguiert genauso, wie sie Zusammengehörigkeiten stiftet. Krimo (Osman Elkharraz) beherrscht die Codes seines Freundeskreises, für jene des Theaters, das er als Ausdrucksform für seine Gefühle wählt, fehlt ihm jedoch jedes Talent. Bei der Probe bringt er die Lehrerin mit seinem mangelnden Enthusiasmus zur Weißglut und sie ihn mit ihrem verzweifelten Zuruf "Zeig mehr Lebensfreude!" endgültig zum Schweigen.

Diese weitere Ausweichbewegung des Films, hin zur theatralen Repräsentation der eigenen Befindlichkeit, muss also schief gehen. Schon Marivaux' Stück handelt von der Unmöglichkeit des sozialen Rollentauschs; bei Kechiche scheitert Krimo einen Schritt davor, weil er auf der Bühne eben ein Liebender bleibt und sich mit fremden Worten nicht entsprechend artikulieren kann.

Für sein Geständnis wählt er denn auch einen Ort, an dem er sich sicher weiß: den Platz inmitten der Siedlung. Mit diesem Schritt überträgt Kechiche das Spiel endgültig in die Arena der Jugendlichen. Ab dann wird die ganze Sache publik und kompliziert: Die Burschen und Mädchen separieren sich, geschlechtliche Rollenmuster kommen zum Tragen, es wird falsch vermittelt und viel taktiert. Bis die verschworene Form der Kommunikation der Jugendlichen die Polizei auf den Plan lockt. Der Raum, den Kechiche mit seiner fiebrigen Handkamera betont eng gehalten hat, reißt an dieser Stelle zum Politischen hin auf: Vorhang zu! (DER STANDARD, Printausgabe vom 11./12.6.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh
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