Die Wegweiserin bei der Rallye-WM

6. Juli 2005, 11:15
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Ihr Titel lautet "Zweite Fahrerin": Ilka Minor weist Manfred Stohl in der Rallye-WM den rechten Weg

"Schnellfahren interessiert mich nicht. Ich habe in meinem Leben zwei Strafzettel bekommen, weil ich falsch geparkt habe." Ein paar könnten schon noch dazukommen, schließlich ist Ilka Minor gerade erst 30 geworden. Die Gelegenheiten freilich sind rar. Frau Minor pflegt in die Arbeit zu radeln, und wenn man sie in der Wiener Innenstadt trifft, dann reist sie, ihres Zeichens Jahresnetzkartenbesitzerin, aus dem zehnten Bezirk mit der U-Bahn an. "Die Mama", sagt sie, "hat mehr Angst, wenn ich von Wien heim nach Ferlach fahre, als wenn ich im Rallyeauto sitze."

Nach Ferlach fährt Minor mit einem gebrauchten Audi A4 Diesel, sitzt links, in der Rallye-WM lässt sie sich, rechts sitzend, von Manfred Stohl mit einem Citroën Xsara World Rallye Car durch die Gegend chauffieren. Das ist das schärfste Gerät, das es gegenwärtig zu diesem Behufe gibt. Der Franzose Sebastien Loeb gewann mit einem baugleichen Typ die vorjährige Rallye-WM und liegt im heurigen Bewerb an der Spitze. Mitte Mai und auf Zypern gelang dem im Citroën-Werksteam engagierten Loeb der vierte Saisonsieg. Stohl und Minor, für die Privatmannschaft namens OMV World Rallye Team unterwegs, landeten sensationell auf Platz zwei.

Ilka Minor, gelernte Maschinenbauerin, arbeitet für eine Engineering-Firma, die Kläranlagen baut und betreibt. 30 Stunden die Woche im Jahresschnitt, nur anders aufgeteilt. Schließlich sportelt sie mit Stohl heuer bei zehn WM-Läufen, das sind gut zehn Wochen, dafür reicht der Urlaub nicht. Am Anfang stand ein Liebesdienst. Ilka war mit Achim Mörtl liiert, und als dem der Kopilot abhanden kam, sprang sie Ende 1993 ein nach dem Motto: "Probieren wir es halt. Dann wurde ich süchtig nach der Droge Motorsport", sagt sie, die damit zuvor gar nichts zu tun hatte. "Einmal hat der Vati uns vier Kinder zur Karawanken-Rallye mitgenommen, das hat mich nicht sehr beeindruckt." Vom Einstieg traute sie sich den Eltern nichts zu erzählen. "Dazu war ich zu feig, ich legte ihnen die Kärntner Tageszeitung auf den Tisch, wo es drinnen stand. Die Mutti war geschockt, der Vati fand es okay."

Ilka lernte das Geschäft, Rennfahrern den Weg zu weisen, ihnen Kurvenradien und dergleichen anzusagen. 1996 wurden die beiden Staatsmeister in der seriennahen Gruppe N. Später, als sie und Mörtl sich privat trennten, trennten sie sich auch sportlich. Ilka hatte Fuß gefasst in der Szene, arbeitete fortan mit mehreren Herren zusammen, einen verließ sie bald fluchtartig, "weil er ständig in irgendeinen Baum gefahren ist". 1998 begleitete sie, die mit Gavin Minor verheiratet ist, einem Engländer, Rallye-Ingenieur bei Ford, erstmals Manfred Stohl nach Neuseeland, weil sein damaliger Beifahrer verhindert war. Seit 2001 sitzt sie fix an seiner Seite, das Verhältnis ist ein professionelles.

Im Frühjahr nämlichen Jahres bei der Akropolis-Rallye passierte besonders Blödes. Nach dem Showstart im Rennauto bestiegen Stohl und Minor das Trainingsauto, um heimzufahren nach Delphi, ein Mechaniker hatte die Gurte ausgebaut, Stohl nahm eine Kurve zu schnell, sie überschlugen sich, der Oberschenkel der Beifahrerin brach. Operationen, Komplikationen, fünf Monate Krücken. Ilka wollte und kam zurück. Im folgenden Jahr verunglückte ihre Kollegin Jutta Gebert bei einer Rallye am Beifahrersitz tödlich. "Zuerst haut's dich nieder, dann denkst du nach und machst weiter." Sie vertraut Manfred Stohl. "Aber er muss mir noch mehr vertrauen. Wenn ich ihm die falsche Kurve ansage, sind wir beide weg."

Ihr Titel lautet "Zweite Fahrerin". Selbst ist sie noch keinen Meter in einem WRC gefahren. "Interessiert mich nicht. Wahrscheinlich komme ich gar nicht vom Fleck. Mein Job ist auf der rechten Seite. Und ich weiß, dass ich ihn gut mache." Stichwort Temporausch: "Man gewöhnt sich daran. Mir kommt es nicht schnell vor. Eher zu langsam." (Benno Zelsacher/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.6. 2005)

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    "Zweite Fahrerin" Ilka Minor
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