Elektrischer Weckruf

28. Juli 2005, 14:39
2 Postings

Der Verbund will den österreichsichen Strommarkt mit eigenen Angeboten aufmischen - Ein Kommentar von Michael Moravec

Die Verbundgesellschaft - bisher hauptsächlich Stromerzeuger und Großhändler - steigt jetzt mit der ganzen Finanzkraft eines Großkonzerns in das österreichische Endkundengeschäft ein. Dem heimischen Strommarkt hätte nichts Besseres passieren können. Denn bisher gab es im Bereich der Gewerbebetriebe und Privathaushalte keinen nennenswerten Wettbewerb.

Die Alternativen für die Kunden - wie die Anbieter Switch, Best Connect oder MyElectric - waren Anhängsel der Landesgesellschaften und arbeiteten unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit. Und die Mütter EVN, Energie Oberösterreich, die steirische Estag sowie die Kollegen in den anderen Bundesländern hatten gar kein Interesse daran, den Töchtern mit ein wenig Marketingbudget zu öffentlichem Leben zu verhelfen, denn das hätte Wettbewerb und sinkende Preise bedeutet. Kaum ein wechselwilliger Stromkunde hat von diesen Unternehmen je gehört oder weiß gar, wie eine Ummeldung abläuft.

Für den Bundeskanzler und den Wirtschaftsminister ist das Vorgehen des Verbunds ein Weckruf: Sie haben tatenlos zugesehen, wie sich die heimische Elektrizitätswirtschaft seit Jahren im Kreis dreht: gefangen in den klein karierten Interessen der Landesfürsten und unfähig, wettbewerbsfähige Strukturen zu schaffen. Jetzt werden sie dazu gezwungen.

Der Bundeskanzler schaffte es sogar, stolz und höchstpersönlich eine Partnerschaft zwischen dem Verbund und der deutschen E.ON-Gesellschaft zu präsentieren - um nur wenig später auf die Idee zu kommen, eigentlich sei eine "österreichische Lösung" doch besser. Und seither mag wer auch immer von der Stromliberalisierung profitiert haben - die kleineren Kunden waren es definitiv nicht. Das wird sich jetzt hoffentlich ändern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.6.2005)

Share if you care.