Wer den Torschuss verpasst, hat keine Zeitlupe, mitreden dürfen nur die, die dabei waren - eine philosophische Annäherung
Gewiss, der Fußball ist ein weites Land. Und obwohl auf dieser Ebene manche Stricke gespannt, Zäune errichtet, Mauern gebaut, Gräben ausgehoben und Stacheldrahtabsperrungen hochgezogen wurden, so gilt es doch, die zeitlichen, räumlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten zumindest ebenso im Auge zu behalten wie das Trennende. Gibt es also einen eigenständigen, genuinen Unterklassenfußball? Oder ist das zweit- und drittklassige Gekicke in den Landesligen und darunter nur eine Reminiszenz an frühere Zeiten, in denen alles, also auch der Fußball, noch besser war? Oder ist es ein minderwertigerer Abklatsch des »richtigen« Fußballs, wie er an der Stamford Bridge oder in der Arena AufSchalke oder meinetwegen sogar im Horr- und Schwarzenegger-Stadion praktiziert wird? – Die Antwort kann nur lauten: Jein.
Der feine Unterschied
Eines ist zunächst klar: Die Zeit des Holzhackens ist im lokalen Fußball vorbei. Wer hofft, in der Unterklasse Brutalität und ungeschlachtes Foulspiel mit Roten Karten en masse, wer hofft, hölzerne Spieler und pure Kampfeslust zu erleben, ist dort schon lange fehl am (Sport-)Platz. In den Landes- und Unterligen sind – von den wirklich untersten Klassen einmal abgesehen – Spieler am Werk, die es mit den Akteuren des österreichischen Nationalteams in fast allen Belangen jederzeit aufnehmen können. Nur fehlt ihnen ein entscheidender Aspekt. Genauer gesagt, jedem Spieler ein anderer. Da gibt es den technisch versierten Dribblanski, dem es am Ehrgeiz mangelt, den unglaublich schnellen Flügelstürmer, dessen Flanken nicht ankommen, den Rackerer, dem immer wieder die Nerven durchgehen oder den unüberwindlichen Manndecker, der die Viererkette nie kapieren wird. Die Spieler der Landesliga sind perfekte Fußballer mit einem einzigen Manko. Und dieses sorgt dafür, dass sie nicht in der Bundesliga spielen.
Wer hofft, in den Landes- oder Unterligen den reinen Amateurismus zu finden, ist ebenso am falschen Ort, auch wenn für einen Großteil der Spieler das Fußballspiel nur der zweite Beruf neben einem 40-Stunden-Job ist. Der Streit um Gagen, Punkteprämien und Aufwandsentschädigungen mag sich um weit niedrigere Summen drehen als im Profigeschäft, deshalb wird er aber noch lange nicht mit weniger Ehrgeiz und Zeitaufwand betrieben. Um zehn Euro Siegesprämie auf oder ab wird wochenlang diskutiert, das Training verweigert, der Rausschmiss angedroht, der Trainer und der Präsident beschimpft. Und wie in der Bundesliga liegt nur ein Bruchteil der bezahlten Summen offen am Tisch. Der Rest läuft über dunkle, gut verborgene Kassen. Der Unterschied zum großen Fußballgeschäft ist nur: Weil die Summen generell niedriger sind und weniger auseinanderdriften, kann es weit eher passieren, dass die finanziell schlechter dotierte Mannschaft gewinnt oder sogar Meister wird.
Wurzler, Wanderer und Sucher
Wenden wir den Blick vom Spielfeld ab und schauen wir auf die Zuschauerränge. Gut, alles ist kleiner: Statt der architektonisch gestylten Tribünen gibt es garagenähnliche Beton- oder Wellblech-Verschläge, statt der Fankurven grüne Wiesen – der Alkoholkonsum ist freilich der gleiche und auch die Transparente differieren nicht. Der Unterschied ist nur, dass man für das Anzünden von Raketen oder bengalischen Feuern kein Stadionverbot, sondern nur böse Blicke der Ordner einheimst. Statt der VIP-Lounge besteht der Bereich für die Promis aus zwei grün gestrichenen Reihen von Plastikbänken, statt Designer-Buffet gibt’s gratis Fleischlaberln. Was wirklich auffällt: Je weiter man in den Ligen nach unten kommt, desto mehr wird gestanden. Selbst wenn es ausreichend Sitzplätze gibt: Der wahre Unterliga-Fan steht. Oder besser gesagt: die Hälfte steht, die andere Hälfte geht. Es gibt quasi die Wurzler, die auf ihrem Stammplatz festgewachsen scheinen, und die Wanderer, die sich bemüßigt fühlen, mit jedem einzelnen Anhänger ein paar Worte zu wechseln. Und dann gibt es noch die Sucher: Sie stehen immer in der Nähe des Tores, auf das ihr Verein gerade spielt.
Fan-Kategorie Wurzler (Foto: Dieter Brasch/ballesterer fm) |
Auf der Suche nach der entscheidenden Differenz sind wir also weder bei den Spielern – denn wer wollte umgekehrt behaupten, dass alle Akteure der obersten Liga Profis wären oder dass alle Spieler alles könnten? – noch beim Publikum wirklich fündig geworden – wer meint, eine Zehnerpotenz weniger an Zuschauern wäre ein Gradmesser für Qualität, der würde auch der Bundesliga im internationalen Vergleich jeden Wert absprechen. Das tun wir zwar alle, aber ernst meint es kaum jemand. Wenn es also einen untrüglichen Unterschied geben sollte, muss er wohl irgendwo dazwischen liegen.
Verwaschene Trikots, eingegangene Firmen
Zwischen Spielern und Publikum, da liegen die Medien. Doch auch die mediale Versorgung bietet nur graduelle Differenzen: Selbst in der Landesliga sind die Dressen der Spieler mit Werbung zugepflastert - nur der Grad der Verwaschenheit verweist darauf, dass die Trikots vielleicht noch aus der Vorsaison stammen. Die Stadien sind ebenfalls von Werbetafeln gesäumt, auch wenn man bei manchen Tafeln die Aufschriften kaum mehr entziffern kann und bei einigen Firmen doch gehört hat, dass sie schon längst in Konkurs seien.
Das Unmittelbare mündet oftmals in Diskussionen mit den Aktiven (Foto: Dieter Brasch/ballesterer fm) |
Auch in den unteren Klassen sind die Massenmedien präsent: Zwar hat das Verschwinden des »Wiener Sport am Montag« eine schmerzliche Lücke hinterlassen, in den meisten Bundesländern gibt es aber noch Zeitungen, die vom Regionalfußball berichten oder sogar davon leben, man denke nur an »BF - Die Burgenlandwoche«. Wo Lücken bestehen, werden diese zunehmend vom Internet aufgefüllt, wo vielfach auch schon Videoreportagen abrufbar sind. Wer will, kann sich also medial über die laufenden Ereignisse informieren.
Dennoch, mit den Medien sind wir schon nah dran. Was die Einzigartigkeit des lokalen Fußballs wirklich ausmacht, ist der Eindruck des Unmittelbaren, des Echten. Konkret gesagt: Der Besuch am unterklassigen Fußballplatz ist nicht authentischer als die Visite im Hanappi- oder in einem der zahlreichen Casino-Stadions, aber er wird so erlebt. Es ist nicht die Authentizität, die den Unterschied macht, sondern das Flair des Authentischen. In postmodernen Zeiten ist ja vielleicht ohnedies nichts mehr echt, aber nur die Besucher von Bundesliga- oder Ländermatches wissen das. Sie wissen, dass die achte Wiederholung aus der fünften Kameraperspektive die Klärung der fußballerischen Existenzfrage – Foul oder Nicht-Foul – bringt. Sie wissen, dass das Kameraauge unbestechlicher ist als ihr eigenes und erst recht als das des Referees. Die Fans gehen wegen der Atmosphäre zwar trotzdem ins Stadion, aber sie wissen: das Fernsehen böte die bessere Perspektive. Dass die Wahrheit, wenn überhaupt, in der Aufzeichnung steckt, spüren auch die Spieler: »Wie haben Sie die Szene erlebt?« – »Ich weiß es nicht, ich hab die Fernsehbilder noch nicht gesehen.«
Dabei sein ist alles
Die Wahrheit der Unterligen ist dagegen die Wahrheit der Präsenz: Nur wer das Spiel gesehen hat, wer wirklich dort war, und sei es in einem noch so illuminierten Zustand, kann darüber erzählen. Der Zeitungsbericht, ja selbst der Videobeweis, hat höchstens bestätigende Wirkung. Liest oder sieht man das Gegenteil des eigenen Eindrucks, war entweder der Schreiberling ein Idiot (schlimmster Vorwurf: »I waaß ned, auf wöchn Metsch der woa«, also die Behauptung, er sei nicht wirklich dort gewesen), oder der Kameramann ein Kretin, das nicht einmal ein Video aufnehmen kann. Die Realität der Bundesliga wird im TV konstruiert, die Wahrheit der Unterliga auf den Platz.
Wer eine Szene eines Bundesligaspiels versäumt hat, wartet auf die TV-Aufzeichnung. Wer das Tor beim unterklassigen Match verpasst, der hat seine Chance gehabt – aber nicht genutzt. Wer nicht aufs Match geht, hat das Spiel definitiv versäumt, die Alternative des Zeitungs- oder Videokonsums gilt nicht. Wer die entscheidende Szene nicht gesehen hat, kann sie sich nur mehr erzählen lassen, und zwar von einem, der dort war.
Wen Rapid kaufen wird und was der Innsbruck-Spieler gesagt hat, das erfährt man aus den Medien. Was beim unterklassigen Verein passiert ist oder passieren wird, das weiß nur der, der dort ist, der sich vor dem Spiel beim Kartenabreißer erkundigt, während des Spiels mit seinen Freunden tratscht und nach dem Spiel in der Kantine sitzt, um dort aus erster Hand, vielleicht sogar vom Trainer oder vom Stürmerstar selbst, die neuesten Entwicklungen und Gerüchte hört. Im Bundesliga-Stadion plaudern Freunde miteinander, am Unterliga-Platz trifft sich eine Familie. Es ist eine Familie für wenige Stunden, denn die Bande gelten nur innerhalb des Sportplatzes.
Das Bollwerk des unterklassigen Fußballs ist sein Schein, sein Anschein von Authentizität. Die böse Welt draußen bleibt für ein paar Stunden ausgesperrt, wenn nur die Wahrheit des Platzes Gültigkeit besitzt und das selige Gefühl von Echtheit fabriziert. (Matthias Marschik)
Der neue ballesterer fm:
Schwerpunkt:
Im Unterhaus
Im Interview:
Gerold Weilinger, Ex-Chef des »Wr. Sport am Montag«
Original:
Herr Kudej, Kartenabreißer beim FavAC
Derbytime:
Lokalduelle aus Steyr, Graz und dem Hausruckviertel
Der Pendler:
Jan Zelenka lebt in Prag und kickt im Innviertel
Campioni:
Italiens Fußballer im TV-Container
außerdem:
Red Bull:
Salzburger Fans wollen ihre Farben behalten
Bohemians Prag:
Anhänger entschulden den Traditionsklub
Frauen-EM:
Schwedinnen wollen in England den zweiten Titel
Unterm Hakenkreuz:
Was geschah im »Todesspiel von Kiew«?
Schiriskandal:
Lokalaugenschein im Café King
Austria Soap:
Frank Stronach im Irrenhaus
Präsentationsparty
Freitag, 10.6., ab 19.30 Uhr
SCHIKANEDER (Margaretenstr. 24, 1040 Wien)
Wien-Premiere: “Kick off – Hell bent for 90 minutes” (Ö, 2004)
Filmbeginn: 20.30 Uhr (begrenztes Kartenkontingent)
DJs: Substance DJ-Team