Lehrer muss ein Ganztagsjob werden

22. März 2006, 16:06
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Andreas Schleicher, "Erfinder" der Pisa-Studie, hält Lernen für eine ganztägige Angelegenheit. Nicht nur für Schüler

Standard: Als Reaktion auf Pisa haben Regierung und SPÖ eine "angemessene Differenzierung" des Schulsystems in der Verfassung verankert. Wie würden Sie den Begriff definieren?

Schleicher: Es geht um den konstruktiven Umgang mit Vielfalt, um Individualisieren von Lernen. Jede institutionelle Barriere, die wir im Bildungssystem schaffen, jede Differenzierung im äußeren, institutionellen Sinn, hindert Chancengerechtigkeit und Lernen. Wir müssen Bildungssysteme öffnen und Übergänge fließend gestalten.

STANDARD: Das ist ein deutliches Plädoyer für die Abkehr vom gegliederten System.

Schleicher: Ich glaube schon, dass die finnische Gemeinschaftsschule ein interessantes Modell ist, in dem Schüler, Lehrer und Schulen mit der Vielfalt, die es gibt, kreativer und konstruktiver umgehen. Selektion heißt ja auch Abwälzen von Verantwortung. Das ist ein Hauptgrund, warum das Potenzial vieler Schüler in Österreich nicht ausgeschöpft wird. Aber man darf nicht automatisch den Umkehrschluss ziehen, die Gesamtschule muss jetzt kommen.

STANDARD: Was kann man aus Pisa gesichert ableiten?

Schleicher: Man kann ohne jeden Zweifel ableiten, dass Bildungssysteme, die offen gestaltet sind und institutionelle Barrieren überwunden haben, in der Tendenz erfolgreicher sind. Man kann auch sehr gut ableiten, dass sich institutionelle Barrieren, also die Gliederung des Schulsystems, negativ auf den Einfluss von sozialem Kontext auf Bildungsleistungen auswirken.

STANDARD: In Österreich soll jetzt die schulische Tagesbetreuung verstärkt werden. Man setzt vor allem auf Nachmittagsimprovisation. Reicht das?

Schleicher: Wir müssen Raum schaffen, soziale Defizite auszugleichen, aber auch Talente zu finden und zu fördern. Das heißt nicht, nachmittags ein paar Stunden Betreuung dranzuhängen. Es heißt, dass Lernen eine ganztägige Angelegenheit ist. Das gilt übrigens nicht nur für Schüler. Ebenso wichtig ist, dass für Lehrer die Arbeit in der Schule zur Selbstverständlichkeit wird.

STANDARD: Das heißt konkret?

Schleicher: Dass der Lehrerberuf nicht durch Unterrichtsstunden definiert ist, sondern durch Arbeit in der Schule. Das ist ein beliebtes Streitthema, aber ich halte es für sehr wichtig, dass Lehrer in der Schule ganztägig zugänglich sind für die Schüler. Da entwickelt sich auch ein ganz anderes Verhältnis. Die Zusammenarbeit von Schülern und Lehrern ist in einem solchen Berufsfeld die Chance, die die Ganztagsschule wirklich bietet. Um die zu nutzen, muss man Schule als Überbegriff und Lernen als Kern sehen.

STANDARD: Wie soll das Berufsfeld "Lehrer" denn aussehen?

Schleicher: Es muss Karriere-und Entwicklungsperspektiven für Lehrer bieten. Daran hapert es doch. An didaktischen Konzepten mangelt es im deutschsprachigen Raum nicht. Es mangelt in den Schulen an Anreizsystemen, das wirklich umzusetzen. Warum definieren wir Schule als Institution mit Lehrern? Das war traditionell so. Aber warum muss das so sein? Da ist die Vielfalt der Professionen ein ganz wichtiger Gesichtspunkt.

STANDARD: Bildungsministerin Gehrer lässt Pisa nachrechnen. Haben Sie Angst, dass Sie sich verrechnet haben?

Schleicher: Ich finde das gut. Nach der ersten Pisa-Studie haben wir das Nachrechnen in vielen Staaten erlebt, und es hat dazu geführt, dass die komplexe Methodik letztendlich das Vertrauen stärkt.

STANDARD: Wann kommt Pisa für Musik oder z. B. Kunst?

Schleicher: Das ist sehr schwer durchführbar, aber wir arbeiten intensiv daran. Nur dürfen wir nicht aus dem Fehlen von Mathematik-Kenntnissen auf das Vorhandensein von Kompetenzen in Musik oder anderen Fächern schließen.

Das Gespräch führte Lisa Nimmervoll ZUR PERSON: Andreas Schleicher (41) leitet die OECD-Abteilung für Bil- dungsstatistiken in Paris. Ver- heiratet, drei Kinder
  • Schleicher: "Wir müssen Bildungssysteme öffnen und Übergänge fließend gestalten."
    foto: standard/urban

    Schleicher: "Wir müssen Bildungssysteme öffnen und Übergänge fließend gestalten."

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