Nachlese: Der Kapitalismus beginnt am Abend

27. Juli 2007, 14:46
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Lokalaugenschein in Pjöngjang: Erste marktwirtschaftliche Schritte und "Reis-Mobilisierung" - eine Reportage

Nordkorea steht vor einer neuen Hungersnot, warnten am Mittwoch Agrarexperten in Seoul; 6,5 Millionen Menschen, ein Viertel der Bevölkerung, seien bedroht. Ein Lokalaugenschein in Pjöngjang zeigt die Schwierigkeit der ersten marktwirtschaftlichen Schritte.

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Nach der Dämmerung gleicht Pjöngjang einer Geisterstadt. Der Staat, der in seinem Wappen unter anderem einen Strommast hat, verfügt nicht über ausreichende Mengen Strom für die Straßenbeleuchtung seiner Hauptstadt. Abgesehen von einer Hauptstraße herrscht überall Dunkelheit.

Auch die Privathaushalte können keine großen Sprünge machen. Erlaubt ist nur die Nutzung von schwachen Glühbirnen oder Neonlampen. Dutzende Geschäfte oder kleine Kneipen haben keine Reklame im Eingang, doch dass es sie gibt, ist allein schon ein Zeichen: Die Pionierphase des nordkoreanischen Kapitalismus hat begonnen.

Für die einfachen Leute ist dies kein leichtes Unternehmen. In den vergangenen zwei Jahren stellte die Regierung ihr Zuteilungssystem ein, über das alle Familien mit Lebensmitteln, Kleidung und Schuhen versorgt worden waren. Nun sind die Preise zumindest aus Sicht der Einheimischen in Schwindel erregende Höhen geschnellt.

Unsere Betreuerin verdient nach eigener Aussage beispielsweise 5000 Won monatlich – nach Schwarzmarktkurs umgerechnet knapp drei Euro. So viel kostet ein Paar Schuhe. Ein Kilo Tomaten kann man für 2500 Won bekommen, ein Fahrrad für 100.000.

Marktgedränge

Zwischen Plattenbauten in einer der Siedlungen am Stadtrand stehen drei zu einem größeren Gebäudekomplex vereinte Hallen, in denen ein völlig unerwartetes Getümmel herrscht. Wir sind auf dem ersten Pjöngjanger Markt. Erst um sechs Uhr abends wird hier geöffnet, damit die Leute nicht früher aus der Arbeit gehen und hierher kommen. In den Hallen mieten sich die Koreaner Stände und verkaufen alles Mögliche.

Die meisten Waren wurden aus China oder Japan eingeschmuggelt. Auch das Verhalten der Menschen ist hier ganz anders: Plötzlich wird über Preise verhandelt, und auf einmal fürchtet sich niemand mehr, dem Fremden Waren für Euro oder "feindliche" Dollar anzubieten, was anderswo abgelehnt wird. Die Preise sind hoch und nur wenige kaufen tatsächlich etwas. Es ist aber so voll, dass man kaum durch die Gänge kommt.

Der Weg hinaus aus der Stadt wird durch ein strenges Programm eingeschränkt. Man kann musterhafte Landwirtschaftsgenossenschaften besuchen oder auch das beliebte Ausflugsziel Kim Ir-Sena in den Bergen. Die breite Asphaltstraße ist fast leer, nur gelegentlich passiert ein Militärfahrzeug oder eine schwarze Limousine.

Der wirkliche Betrieb spielt sich hinter der Leitplanke auf einem etwa einen Meter schmalen Radweg ab. Hier strömen die Massen mit zweirädrigen Karren. In den Reisfeldern entlang der Landstraße stecken alle paar Meter rote Fahnen und weisen auf einen großen Arbeitseinsatz hin: Scheinbar auf Befehl bücken sich hunderte Menschen, stehen in Kreisform oder in einer Reihe unter Bäumen – die Köpfe starr in Richtung eines einen ideologischen Vortrag haltenden Soldaten. Im ganzen Land läuft gerade die "Reis-Mobilisierung" an, die jedem – selbst Musikern des Sinfonieorchesters – abverlangt, zwei Tage pro Woche unbezahlt auf dem Feld zu arbeiten. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2005)

Marek Svehla aus Pjöngjang

Marek Svehla ist Redakteur der Prager Zeitung "Respekt"

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    Die Volksarmee legt Hand an: Nordkoreas staatliche Nachrichtenagentur veröffentlichte Bilder von Soldaten, die Reis anpflanzen. Ernteausfälle und Chinas Kürzung der Nahrungshilfe lassen eine Hungersnot erwarten.

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