Ballerina der Sprache

23. Dezember 2005, 14:33
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Zum Tod von Susi Nicoletti - 86-jährige Kammer­schau­spielerin starb nach einer Herz­oper­ation: Als Schauspiel­lehrerin für Generationen stilprägend

Wien - Wenige Tage, bevor in einem Eisenbahnwagon im Wald von Compiègne der Erste Weltkrieg mit einem Waffenstillstand für beendet erklärt wurde, erblickte, am 3. September, in München das Kind Susanne Emilie Luise Adele Habersack das Licht jener kriegerischen Welt.

Tochter aus gutbürgerlichem Haus - der Vater Reedereidirektor, die Mutter Schauspielerin - verbrachte sie ein Großteil ihrer Kindheit in Amsterdam, kehrte 1927, neunjährig, mit ihren Eltern nach München zurück, lernte dort die Kinder Thomas Manns als Spielgefährten kennen - und begann, sich für den Tanz zu interessieren.

Ihr erster öffentlicher Auftritt in dieser Kunst, 13-jährig, auf der Bühne der Münchner Kammerspiele, stand im Zeichen der Kälte. Sie verkörperte einen Eiszapfen. Schon mit 15 erhielt Susi Nicoletti - wie sie sich nach dem Mädchennamen ihrer Mutter nannte, Habersack klang wenig schwebend - ihren ersten Jahresvertrag an der "Münchner Opernbühne", einem Tourneetheater, als Solotänzerin. Im selben Jahr schloss sie sich auch der Kabarett-Gruppe "Die weißblaue Drehorgel" an, eine erste Begegnung mit dem Sprechtheater.

In Nürnberg, damals bereits die "Stadt der Reichsparteitage", war sie von 1936 bis 1940 als Schauspielerin engagiert. Dort entdeckte sie Käthe Dorsch, auf der Suche nach einer geeigneten Filmtochter für den sentimentalen Streifen Mutterliebe 1939 und verhalf der jungen Darstellerin so zu einer Filmkarriere und zum Sprung in das durch die Verfolgung der jüdischen Kollegen ausgedünnte Ensemble des Burgtheaters. 1940 debütierte Susi Nicoletti dort an der Seite Paul Hörbigers in Hermann Bahrs Der Franzl.

In über 250 Theaterstücken stand Susi Nicoletti seither rund 7000-mal auf der Bühne und galt neben Paula Wessely lange Zeit als Inbegriff der Wiener Schauspielkünstlerin, gerühmt für die spöttische Distanz ihrer Ironie zumal in späteren Jahren. Zudem drehte sie rund 100 Kinofilme, etwa Hallo Dienstmann (1951) und Mariandl (1961). In zweiter Ehe verheiratet mit Ernst Hauessermann, wechselte sie in dessen Zeit als Burgtheater-Direktor, wie später wieder - dann aus Protest - unter Claus Peymann, an die Josefstadt.

Neben ihrer eigenen Darstellungskunst wirkte Susi Nicoletti vor allem durch ihre Lehrtätigkeit prägend auf den Schauspielstil des Burgtheaters. Seit den 50er-Jahren Professorin am Max-Reinhardt-Seminar, unterrichtete sie rund 800 Schauspiel-Studenten, darunter Erika Pluhar, Senta Berger und Klaus Bachler.

Viele von ihnen werden nun trauern um Susi Nicoletti, die am Sonntagabend an den Folgen einer Herzoperation 86-jährig in Wien gestorben ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 07.06.2005)

Von Cornelia Niedermeier

Nachlese älterer Postings und Reaktionen zum Tod von Susi Nicoletti

Im memoriam

Sa., 11.6.

  • Michael Bukowskys Nicoletti-Porträt "Mit Ernst unernst"
    9:35, ORF 2

  • Komödie "Sonnenschein und Wolkenbruch" (1955, R. Nussgruber)
    10:05, ORF2

  • Hörspielprod. (1955): Molières "Georges Dandin",
    14 Uhr, Ö1


  • So., 12.6.

  • Spielfilm "Die Rosel vom Schwarzwald" (1956, R. Schündler)
    15.30, ORF 2


  • Sa., 18.6.

  • "Hallo Dienstmann" (F. Antel)
    13:10, ORF2

  • Theo-Lingen-Klassiker "Es schlägt 13"
    14.50, ORF2
    • Susi Nicoletti als 'Sheila Broadbent' in: 'Junger Herr für Jenny' von William Douglas Home Premiere 30.04.1957 im Akademietheater
      foto: burgtheater

      Susi Nicoletti als 'Sheila Broadbent' in: 'Junger Herr für Jenny' von William Douglas Home Premiere 30.04.1957 im Akademietheater

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