Frausein in Bangladesch – ein Martyrium

28. März 2006, 11:28
posten

Frauen in Bangladesch leben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die Misshandlung von Frauen ist alltäglich, sie sind den Männern praktisch schutzlos ausgeliefert

Meine erste Assoziation mit Bangladesch ist Yeasmin Sarkar, eine Schulkollegin aus der Volksschulzeit. Als sie zu uns in die Klasse kam, wusste ich nichts von ihrem Heimatland. Weder geografisch gesehen, noch was soziale, medizinische oder humanitäre Probleme dieses Staates betrifft. Ich war zu jung, um mir ein Bild davon zu machen, wie Yeasmin ihre frühe Kindheit erlebt hat, was es für sie bedeutet hat, aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen zu werden und in einem fremden Land zu leben, die Sprache nicht zu sprechen und sich an die weitgreifenden kulturellen Unterschiede zu gewöhnen. Was ich jetzt weiß, ist ungleich mehr, aber es ist wahrscheinlich keinem Außenstehenden möglich, jemals Yeasmins Erfahrungen nachzuempfinden. Im Verlauf meiner Recherchen ist mir vor allem eines klar geworden: Ich kann froh sein in Österreich aufwachsen zu dürfen und von allen Annehmlichkeiten der westlichen Welt zu profitieren. Ich kann autonom entscheiden, was meine Bildung oder meinen Beruf betrifft, wenn ich krank werde, ist die Chance zu sterben gleich null, und ich bin als Frau gleichberechtigt gegenüber den Männern. Das alles hat Yeasmin nicht. Sie musste nämlich in der dritten Klasse wieder in ihre Heimat zurück. Die restliche Familie blieb in Österreich.

Frauen in Bangladesch leben unter menschenunwürdigen Bedingungen: Schon von Geburt an bekommen sie weniger Nahrung und Kleidung als ihre männlichen Geschwister. Sie werden vorwiegend zu häuslichen Arbeiten herangezogen, die meisten Mädchen verfügen nichteinmal über eine Grundschulausbildung. Sobald sie im „heiratsfähigen Alter“ sind, werden sie von ihren Vätern mit oft weitaus älteren Männern verheiratet und sind logischerweise ohne ausreichende Bildung finanziell von ihnen abhängig. Sie bekommen schon früh ihre ersten Kinder. Es ist nicht verwunderlich, dass ohne ausreichende medizinische Versorgung die Müttersterblichkeitsrate extrem hoch ist. Die Misshandlung von Frauen ist alltäglich, sie sind den Männern praktisch schutzlos ausgeliefert.

Wenn ich mir vorstelle, dass meine ehemalige Schulkollegin, die in kürzester Zeit perfekt Deutsch bzw. eigentlich Lungauer Dialekt gelernt hat und in einem Land wie Österreich sicher gute Zukunftsaussichten gehabt hätte, jetzt vielleicht schon ihre ersten Kinder hat, vielleicht schon deren Tod miterleben musste, vielleicht an Malaria erkrankt ist, vielleicht Opfer eines gewalttätigen Mannes geworden ist, vielleicht schon tot ist, dann bleibt mir nichts Anderes als zu hoffen, dass es ihr entgegen aller Befürchtungen gut geht.

Nachdem Yeasmin wieder nach Bangladesch zurückgekehrt ist, haben wir ihr einen Brief geschrieben. Wir haben nie eine Antwort erhalten. Vielleicht war die Adresse falsch, vielleicht ist der Brief nie angekommen, vielleicht war es ihr verboten, mit uns Kontakt aufzunehmen. Was mir von ihr geblieben ist, sind Bruchstücke der Erinnerung und ein Foto: Unsere Erstkommunion und mitten unter uns, Yeasmin, die trotz aller Schwierigkeiten und Unterschiede doch ein Teil unserer Gemeinschaft war.

Von Lisa Jesner

Dieser Text entstand beim Jung-Reporterwettbewerb von Ärzte ohne Grenzen und dem SchülerStandard. Die zwei Siegertexte sind jede von Lisa Hochfellner und Markus Kirchsteiger, die anderen drei sind zweitplatziert. .

Termin zum Thema: Podiumsdiskussion "Vergessene Katastrophen - Österreichs Verantwortung in der Welt"
Share if you care.