Tschad: Ein Wettlauf mit der Zeit

28. März 2006, 11:28
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Im Tschad stirbt jedes fünfte Kind. Die Bewohner des knapp 1,3 Millionen Quadratkilometer großen Staates haben eine Lebenserwartung von lediglich 48 Jahren

Es ist schwer, die Spritze an Muktars nur aus Knochen und Haut bestehenden Körper zu setzen. Doch die deutsche Kinderärztin Iris Banzing hat ein ausreichendes Quantum an Erfahrung beim Behandeln von stark unterernährten Flüchtlingskindern, die sich mit ihren Eltern in den Flüchtlingslagern des Tschad in Sicherheit gebracht haben. Bis zu 180.000 Flüchtlinge aus dem benachbarten Sudan, wo von der Regierung unterstützte Reitermilizen- die Janjaweed- die arabische Bevölkerung im Norden des Landes terrorisieren, vertreiben und ermorden, sollen bereits die Flucht in den Tschad als letzten Ausweg im Angesicht des Todes gewählt haben. Seit August 2003 strömen sudanesische Flüchtlingsmassen in das selbst von Bürgerkrieg betroffene Land.

Zwar unterzeichneten Regierung und Rebellen Ende 2003 einen Friedensvertrag, der Waffenstillstand ist dennoch äußerst brüchig. Außerdem spaltet der Bau einer Erdölpipeline, welche dem Staat in den kommenden 25 Jahren rund 80 Mio. Dollar einbringen soll, jedoch unter massiver Kritik von Umweltschützern steht, die Gemüter. Hinzu kommt die ohnehin katastrophale humanitäre Lage im Tschad.

Die Bewohner des knapp 1,3 Mio. Quadratkilometer großen Staates haben eine Lebenserwartung von lediglich 48 Jahren. Die Säuglingssterblichkeit beträgt 11,7%, es stirbt sogar jedes fünfte Kind. Die Tatsache, dass auf 50 000 Einwohner ein Arzt kommt, erklärt, warum die bitterarmen Menschen, deren einzige Einnahmequelle die Landwirtschaft darstellt, an Epidemien wie Cholera, Masern Meningitis und Aids sterben.

In den Flüchtlingslagern an der rund 500 Kilometer langen Grenze zum Sudan kämpfen die Hilfsorganisationen zunehmend mit der Grundversorgung der Flüchtlinge. Die Tagesrationen an Wasser zum Trinken, Kochen und für die Hygiene mussten in vielen Zeltlagern auf lediglich sieben Liter reduziert werden. Infektionskrankheiten und Parasiten breiten sich infolgedessen rasend aus. Selbst der Transport von Hilfsgütern durch Wüstenregionen und über Sandpisten verschärft den Wettlauf mit der Zeit.

Nun wird dem zwei Jahre alten Muktar eine Sonde zur künstlichen Ernährung in den Magen eingeführt. Seine Mutter legt sich beruhigt und erschöpft von den unvorstellbaren Strapazen der Flucht aus ihrem Heimatdorf, von wo sie die Janjaweed vertrieben haben, auf eine Matte. Iris Banzing und den anderen unermüdlichen Helfern von Ärzte ohne Grenzen (MSF hilft mit 66 Freiwilligen sowie 580 nationalen MitarbeiterInnen im Tschad) hat Muktar es zu verdanken, dass er überleben wird und nicht das Schicksal tausender allein im Tschad verhungernder Kinder und Jugendlicher teilen muss.

Von Markus Kirchsteiger

Dieser Text entstand beim Jung-Reporterwettbewerb von Ärzte ohne Grenzen und dem SchülerStandard. Die zwei Siegertexte sind jede von Lisa Hochfellner und Markus Kirchsteiger, die anderen drei sind zweitplatziert.

Termin zum Thema: Podiumsdiskussion "Vergessene Katastrophen - Österreichs Verantwortung in der Welt"
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    Eine Flüchtlingsfamilie im östliche Tschad. Viele Flüchtlingscamps sind überfüllt, so dass tausende Menschen ohne ein Dach über dem Kopf in den Büschen übernachten müssen.

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