Hermes Phettberg: Plaudern als Kunstform

19. Juli 2005, 16:09
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Vor genau zehn Jahren verabreichte der wohl beste österreichische Talkmaster seinen Gästen einen Zuckerschock

Was da vor genau zehn Jahren zu den Klängen von "Also sprach Zarathustra" die Bühne erklomm, war kein Astronaut aus Stanley Kubricks "2001 Odyssee im Weltraum". Es war wohl eher ein Außerirdischer - für heimische Verhältnisse: der beste Late-Night-Talkmaster, den Österreich jemals gesehen hat; ein Mann, vor dem heute Barbara Stöckl aufgrund ihres freitägigen Promi-Geplauders in Ehrfurcht erblassen müsste, weil es ihm nämlich mithilfe von Regisseur Kurt Palm gelang, aus seichtem Talk noch eine Kunstform zu machen: Hermes Phettberg mit langem, gewelltem Haar, ein Mann, der seinen Gästen (und "Gästinnen", wie dieser Feminist die Damen nannte) in der "Nette Leit Show" zunächst einen Zuckerschock verabreichte (legendäre Frage: Frucade oder Eierlikör?). Unvergesslich: das Gespräch mit Marcel Prawy über dessen Tick, alles in Sackerln aufzubewahren.

Der Pathologe Hans Bankl, Tierschützerin Edith Klinger: Viele waren vertreten, gemeinsam bildeten sie eine Art Querschnitt der österreichischen Psyche. Was seither geschah? Ein Phettberg Revival auf ATVplus, das nicht die Klasse des Originals erreichte. Der Talkmaster wirkte verloren, wie eine Botschaft aus einer Zeit, als Fernsehen weniger angepasst war als heute. Insofern kann es wohl keine Fortsetzung bei ATVplus geben. (pi/DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2005)

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    foto: der standard/corn heribert
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