...Heute erscheint im Übrigen eine bizarr gekleidete ältere Dame am Bildschirm und brüllt die armen Kinder an, dass sie endlich anrufen sollen
Eigentlich war ein Traktat abverlangt, eine gemäßigt
moralische Warnung zu Konsumismus
und Kunst, zureichend abstrakt und ein
wenig erbaulich. Aber ach, es mag nicht gelingen.
Die Erinnerung schiebt sich dazwischen, an
den Ort der Kindheit, der für uns das Fernsehen
war. In dieser Fernsehkindheit, in der wir zu anständigen
Konsumenten erzogen wurden, gab
es zwar weder Fernbedienung noch Kabelanschluss,
aber es gab ein paar Dinge, die es heute
nicht mehr gibt. Es gab etwa die Sendepause. Das
war jenes Insert, das den Bildschirm ausfüllte,
wenn gerade nichts zu senden war. Nichts bewegte
sich, nichts war zu hören, eben nur die
sprichwörtlich gewordene Sendepause. Und es
gab den Sendeschluss: Die rot-weiß-rote Fahne,
die Bundeshymne und dann das weiße Rauschen,
das man, da gespenstisch informationsarm,
ganz schnell wegschalte und schlafen ging.
Heute erscheint im Übrigen eine bizarr gekleidete
ältere Dame am Bildschirm und brüllt die
armen Kinder an, dass sie endlich anrufen sollen.
Wir hatten noch Hänsel und Gretel.
Und es gab - wer erinnert sich? - die Sendung
Christ in der Zeit. Am Sonntag um 20.10
zwischen Sport und Hauptabendprogramm.
Wer damals in einem Gemeindbau wohnte und
rasch auf den Balkon ging, konnte ein seltsames
Phänomen an der gegenüberliegenden Fassade
beobachten: Kaum hatte der christliche Werbeblock
begonnen, erhellte aller Orten Licht nicht
die Seelen sondern die kleinen Toilettenfenster.
Der plötzliche Anstieg des Wasserverbrauchs
müsste messbar gewesen sein, die urologischen
Spätfolgen, als die Sendung unverantwortlicher
Weise aus dem Programm genommen wurde,
sind kaum auszudenken.
Heute sind solche kleinen Ausstiege, Sendepausen
und Sendeenden nur noch vage Erinnerungen
an eine weit entfernte Galaxie des unterentwickelten
Konsumismus. Der gegenwärtige
Fluss der Bilder kennt weder Anfang, noch
Pause noch Ende. Lichtjahre weit entfernt erscheint
auch die Kritik der damaligen Zeit: Als
Adorno und Horkheimer "unaufhaltsame Regression"
konstatierten, als Günther Anders
eine "Dingpsychologie" des Warenfetischismus
einforderte und Pier Paolo Pasolini vor der
"Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die
Konsumgesellschaft" warnte. Die Kritik ist aktueller
denn je, doch wird sie heute vielleicht ein
wenig differenzierter und vor allem ohne die
Gewissheit einer Alternative formuliert. Die
Consumer Policy der Gegenwart hat den Konsum
als politische Agenda und Kampfzone entdeckt.
Ob man Fair Trade unterstützen soll, ob
man zu H & M geht oder ob man sich der fortschreitenden
Angleichung und Beschleunigung
von Produktions- und Konsumtionszyklen entziehen
kann, sind Themen, die nicht mehr nur
in Soziologieseminaren interessieren. Wie
dumm oder intelligent man konsumiert, ob und
wie sich durch die Art des Konsumierens sogar
Mitbestimmung und Solidarität erzeugen ließe,
sind die zentralen politische Fragen der jüngeren
Generation. Über sie wird heißer gestritten
als über die Entfremdung in der Arbeitswelt.
Verändert haben sich auch die Strategien der
Künstler. Ihr Spiel mit der bunten Leere der
Warenwelt ist seit Warhol und Rauschenberg
ambivalent. Die eine Ware wird durch die andere,
ästhetische Ware ersetzt und stets bleibt
fraglich, ob deren Charakter tatsächlich der bessere
ist. Die Kommentare schwanken heute zwischen
ironischer Bestandsaufnahme und skeptischem
Ikonoklasmus. Der Bogen reicht von Andreas
Gurskys kalten Bildern der Konsumtempel
der Gegenwart, über Harun Farockis Dokumentation
der gefängnisähnlichen Videoüberwachung
in einem Shoppingcenter bis hin zu
den Performances von Svetlana Heger oder
Matthieu Laurette, die auf unterschiedliche
Weise das Leben im und jenseits des Konsumismus
als Einschrift im eigenen Körper zeigen.
Der pikturale Dschungel, den der Konsumismus
der Gegenwart erzeugt und in dem die Grenzen
zwischen Bild und Text verschwimmen, war
Thema der Open Studies von Ralf Peters Ende
der 90-er Jahre. In digital bearbeiteten Fotografien
entschriftete Peters bekannte Firmenlogos
und zeigte, wie erstaunlich hoch der Wiedererkennungswert
eines Produkts durch die pure
Form des Schriftzuges ist, auch wenn die Schrift
selbst darin ausgelöscht ist. Den umgekehrten
Weg ging ab 2002 Christian Rupp. Der Wiener
Künstler entnahm aus Schriftlogos einzelne
Buchstaben und erzeugte schreckhaft bunte, nur
scheinbar harmlose Alphabete. Die in unser Gedächtnis
eingebrannten Schriften druckte Rupp
auf T-Shirts, Transparente und sogar Kinderzimmertapeten.
Auch die Kleinsten sollen ja
rechtzeitig auf die Welt vorbereitet werden, die
sie mit offenen Armen erwartet, wenn sie ihr
erstes Taschengeld bekommen haben.
Ein anderer Weg besteht im Reduzieren, im
Verhängen, im Löschen und Verschwinden-lassen
der Zeichen. Dass der ikonoklastische Zaubertrick
der Kunst in sich widersprüchlich ist,
indem im Vorgang des Verschwindens wieder
Zeichen (über das Verschwinden) und Skulpturen
produziert werden, ist klar. Das konsumistische
Labyrinth hat keine Ausgänge sondern nur
Türen zum jeweils nächsten Raum. Aber man
kann den Widerspruch produktiv machen und
man kann als Betrachter genau hinsehen. Bei der
temporären Verhängungen der Schilder in der
Wiener Neubaugasse im Projekt "Delete!"
scheinen die Werbebotschaften durch die gelben
Stoffmarkisen der Künstler hindurch - wie
ein Palimpsest oder eine allgegenwärtige Geheimschrift
der Stadt. Paradoxer Weise bemerkt
man sie erst, wenn sie fast unsichtbar ist.... (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 04./05.06.2005)
Von Ernst Strouhal