Im konsumistischen Labyrinth

Redaktion, 03. Juni 2005 22:15

...Heute erscheint im Übrigen eine bizarr gekleidete ältere Dame am Bildschirm und brüllt die armen Kinder an, dass sie endlich anrufen sollen

Eigentlich war ein Traktat abverlangt, eine gemäßigt moralische Warnung zu Konsumismus und Kunst, zureichend abstrakt und ein wenig erbaulich. Aber ach, es mag nicht gelingen. Die Erinnerung schiebt sich dazwischen, an den Ort der Kindheit, der für uns das Fernsehen war. In dieser Fernsehkindheit, in der wir zu anständigen Konsumenten erzogen wurden, gab es zwar weder Fernbedienung noch Kabelanschluss, aber es gab ein paar Dinge, die es heute nicht mehr gibt. Es gab etwa die Sendepause. Das war jenes Insert, das den Bildschirm ausfüllte, wenn gerade nichts zu senden war. Nichts bewegte sich, nichts war zu hören, eben nur die sprichwörtlich gewordene Sendepause. Und es gab den Sendeschluss: Die rot-weiß-rote Fahne, die Bundeshymne und dann das weiße Rauschen, das man, da gespenstisch informationsarm, ganz schnell wegschalte und schlafen ging. Heute erscheint im Übrigen eine bizarr gekleidete ältere Dame am Bildschirm und brüllt die armen Kinder an, dass sie endlich anrufen sollen. Wir hatten noch Hänsel und Gretel.

Und es gab - wer erinnert sich? - die Sendung Christ in der Zeit. Am Sonntag um 20.10 zwischen Sport und Hauptabendprogramm. Wer damals in einem Gemeindbau wohnte und rasch auf den Balkon ging, konnte ein seltsames Phänomen an der gegenüberliegenden Fassade beobachten: Kaum hatte der christliche Werbeblock begonnen, erhellte aller Orten Licht nicht die Seelen sondern die kleinen Toilettenfenster. Der plötzliche Anstieg des Wasserverbrauchs müsste messbar gewesen sein, die urologischen Spätfolgen, als die Sendung unverantwortlicher Weise aus dem Programm genommen wurde, sind kaum auszudenken.

Heute sind solche kleinen Ausstiege, Sendepausen und Sendeenden nur noch vage Erinnerungen an eine weit entfernte Galaxie des unterentwickelten Konsumismus. Der gegenwärtige Fluss der Bilder kennt weder Anfang, noch Pause noch Ende. Lichtjahre weit entfernt erscheint auch die Kritik der damaligen Zeit: Als Adorno und Horkheimer "unaufhaltsame Regression" konstatierten, als Günther Anders eine "Dingpsychologie" des Warenfetischismus einforderte und Pier Paolo Pasolini vor der "Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft" warnte. Die Kritik ist aktueller denn je, doch wird sie heute vielleicht ein wenig differenzierter und vor allem ohne die Gewissheit einer Alternative formuliert. Die Consumer Policy der Gegenwart hat den Konsum als politische Agenda und Kampfzone entdeckt. Ob man Fair Trade unterstützen soll, ob man zu H & M geht oder ob man sich der fortschreitenden Angleichung und Beschleunigung von Produktions- und Konsumtionszyklen entziehen kann, sind Themen, die nicht mehr nur in Soziologieseminaren interessieren. Wie dumm oder intelligent man konsumiert, ob und wie sich durch die Art des Konsumierens sogar Mitbestimmung und Solidarität erzeugen ließe, sind die zentralen politische Fragen der jüngeren Generation. Über sie wird heißer gestritten als über die Entfremdung in der Arbeitswelt.

Verändert haben sich auch die Strategien der Künstler. Ihr Spiel mit der bunten Leere der Warenwelt ist seit Warhol und Rauschenberg ambivalent. Die eine Ware wird durch die andere, ästhetische Ware ersetzt und stets bleibt fraglich, ob deren Charakter tatsächlich der bessere ist. Die Kommentare schwanken heute zwischen ironischer Bestandsaufnahme und skeptischem Ikonoklasmus. Der Bogen reicht von Andreas Gurskys kalten Bildern der Konsumtempel der Gegenwart, über Harun Farockis Dokumentation der gefängnisähnlichen Videoüberwachung in einem Shoppingcenter bis hin zu den Performances von Svetlana Heger oder Matthieu Laurette, die auf unterschiedliche Weise das Leben im und jenseits des Konsumismus als Einschrift im eigenen Körper zeigen. Der pikturale Dschungel, den der Konsumismus der Gegenwart erzeugt und in dem die Grenzen zwischen Bild und Text verschwimmen, war Thema der Open Studies von Ralf Peters Ende der 90-er Jahre. In digital bearbeiteten Fotografien entschriftete Peters bekannte Firmenlogos und zeigte, wie erstaunlich hoch der Wiedererkennungswert eines Produkts durch die pure Form des Schriftzuges ist, auch wenn die Schrift selbst darin ausgelöscht ist. Den umgekehrten Weg ging ab 2002 Christian Rupp. Der Wiener Künstler entnahm aus Schriftlogos einzelne Buchstaben und erzeugte schreckhaft bunte, nur scheinbar harmlose Alphabete. Die in unser Gedächtnis eingebrannten Schriften druckte Rupp auf T-Shirts, Transparente und sogar Kinderzimmertapeten. Auch die Kleinsten sollen ja rechtzeitig auf die Welt vorbereitet werden, die sie mit offenen Armen erwartet, wenn sie ihr erstes Taschengeld bekommen haben.

Ein anderer Weg besteht im Reduzieren, im Verhängen, im Löschen und Verschwinden-lassen der Zeichen. Dass der ikonoklastische Zaubertrick der Kunst in sich widersprüchlich ist, indem im Vorgang des Verschwindens wieder Zeichen (über das Verschwinden) und Skulpturen produziert werden, ist klar. Das konsumistische Labyrinth hat keine Ausgänge sondern nur Türen zum jeweils nächsten Raum. Aber man kann den Widerspruch produktiv machen und man kann als Betrachter genau hinsehen. Bei der temporären Verhängungen der Schilder in der Wiener Neubaugasse im Projekt "Delete!" scheinen die Werbebotschaften durch die gelben Stoffmarkisen der Künstler hindurch - wie ein Palimpsest oder eine allgegenwärtige Geheimschrift der Stadt. Paradoxer Weise bemerkt man sie erst, wenn sie fast unsichtbar ist.... (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 04./05.06.2005)

Von Ernst Strouhal
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