Notprogramm für Wiener Mumien

28. November 2005, 16:50
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Der Verfall der Mumien in der Michaelergruft schreitet rapide voran – jetzt sollen sie gerettet werden

Wien – Tausende Menschen kommen, meist Touristen. Alle wollen sie hinunter, in die Gruft zu den Mumien. "Die Menschen suchen sensation – wir können nur reflection bieten", berichtet Peter van Meijl, er ist seit drei Jahren Pfarrer der Wiener Michaelerkirche.

Doch sensationslüsterne Touristen sind nicht van Meijls Sorge: "Die Michaeler Gruft ist ein Biotop. Etwas Einmaliges, weil Menschen hier Einmaliges fühlen, denken und ausdrücken. Hier finden sie Ruhe und Besinnung."

A giorno

Was den Pfarrer vielmehr beschäftigt und nicht zur Ruhe kommen lässt: "Ich will St. Michael a giorno bringen – auf den Tag." Doch derzeit ist die Gruft in erschreckender Weise dem Vergänglichen ausgeliefert. "Für die Substanz ist Gefahr in Verzug. Wir müssen so schnell wie nur irgend möglich mit den Restaurierungsmaßnahmen beginnen", drängt die Wiener Landeskonservatorin Barbara Neubauer.

"Vor zwei Jahren hab' ich zum ersten Mal gesehen, wie die Särge auseinander fallen", berichtet Alexandra Rainer. Und sie ist ständig hier herunten bei den Mumien. Bei Führungen und zur wissenschaftlichen Aufarbeitung.

Vor einem derart aufgeplatzten Holzsarg steht Alexandra Rainer nun. Eine junge, mumifizierte Frau liegt darinnen, noch ist sie in ihrem Gewand aus Seidendamast, ein Rüschenkleid, Seidenhandschuhe, ein zerfallenes Kreuz auf der Brust. Eine Berührung nur und all das würde zerbröseln. Doch sie selbst ist nach all den Jahrhunderten nun doch nur noch Knochen. Ein Opfer der vermutlich in den letzten zehn Jahren sprunghaft angestiegenen Luftfeuchtigkeit. Die Ursache: Mit ziemlicher Sicherheit die zugemauerten Luftschächte.

Der Rüsselkäfer Dieses katastrophale Klima behagt nur einem hier herunten: dem Rüsselkäfer. Ein Holzfresser, der eigentlich nur in England lebt; dies ist der erste Fund in Österreich. "Die Biologen freuen sich. Wir nicht", bekennt Rainer. Und deshalb wird auch das biologische Entzücken ein endliches sein – auch als Rarität wird der Rüsselkäfer demnächst mit Gas bekämpft.

Danach sollen vorsichtig die Klimaverhältnisse wieder verbessert werden. Wobei eines schon jetzt klar ist: "Im Gegensatz zur Kapuziner Gruft werden wir hier keine Klimaanlage mit immenser Haustechnik einrichten können", so Neubauer. Daher müsse man die historische Klimatisierung wieder herstellen, die Schächte möglichst wieder öffnen. Dafür müssen aber gleichzeitig Filtersysteme eingebaut werden, um Schäden durch Luftschadstoffe zu vermeiden.

Särge sichern

Gleichzeitig müssen ab sofort die meist reich bemalten Holz- und Metallsärge gerettet und ihr Inhalt gesichert werden. Ein Mühseliges und höchst aufwändiges Unterfangen, das wohl zehn Jahre in Anspruch nehmen wird. Einer ruht schon in einem sichtlich neuen Holzsarg: Pietro Metastasio, kaiserlicher Hofdichter bei Maria Theresia und Librettist von Mozarts "clemenza di Tito".

Neubauer schätzt die Kosten derzeit sehr vorsichtig auf rund drei Millionen Euro. Kulturstadtrat Andreas Mailath- Pokorny hat am Freitag eine finanzielle Unterstützung der Stadt zugesichert – üblicherweise ist dies ein Drittel der Kosten. Und Mailath-Pokorny hat ein gutes Gefühl: "Bei Frau Neubauer hab' ich immer das Gefühl, wie wenn man zu einem guten Arzt geht." (DER STANDARD Printausgabe, 04./05.06.2005)

Das Buch "Die Michaeler Gruft in Wien – Retten, was zu retten ist" von Alexandra Rainer ist soeben im Eigenverlag der Michaeler Kirche erschienen.

Gruft-Führungen: MO–FR, 11, 13, 15 und 16 Uhr.
Spezialführungen: 0650 533 8003


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Michaelerkirche
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