Der Lange Marsch für Afrika

2. Juli 2005, 19:01
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Bob Geldof sorgt für Getöse um Tony Blairs G-8-Gipfel

Vom britischen Premier Tony Blair ist überliefert, dass er pure Bewunderung für Bob Geldof hegt. Jetzt aber kommen sie einander ins Gehege, der Altgitarrist aus 10 Downing Street und der Altrocker aus Dublin. Für Anfang Juli, wenn im exklusiven Golfhotel Glen-eagles nördlich von Edinburgh die Staatenlenker der acht reichsten Industrienationen tagen, hat Bob Geldof zu einem "Langen Marsch der Gerechtigkeit" aufgerufen. Wessen Herz für Afrika schlage, der möge sich auf den Weg nach Edinburgh machen.

Eine Million Teilnehmer sei das Ziel. Und wenn es Ärger mit dem Personalchef oder dem Schuldirektor gebe - so what? "Was ist besser? Zwei Tage Arbeit? Zwei Tage Geometrie? Oder dabei zu sein, wenn etwas passiert, was ihr für den Rest eures Lebens nicht mehr vergesst?" Nicht nur das. Am 2. Juli, dem Samstag vor der illustren G-8-Runde, will Geldof ein weltumspannendes Rockkonzert organisieren, "Live 8", eine bis dato nicht gesehene Megashow mit Bühnen in London, Berlin, Paris, Rom und Philadelphia. Stars wie Madonna und Robbie Williams haben bereits zugesagt.

Im Londoner Regierungsviertel sind sie hin- und hergerissen angesichts der Geldof'schen Pläne. Einerseits sorgt der 50-jährige Ex-Sänger der Boomtown Rats für die nötige Publicity, die Blairs Gipfel aus der üblichen Konferenzroutine herausragen lässt. Der seit 1997 amtierende Premier möchte endlich Geschichte schreiben, eine Trendwende einleiten, gefeiert werden als der Visionär, der Afrika von seiner Schuldenlast befreit und dem Kontinent neue Perspektiven eröffnet.

Eigens zu diesem Zweck rief Blair eine "Commission for Africa" ins Leben. Doch als die im März konkrete Vorschläge auf den Tisch legte, vom Erlass der Auslandsschulden bis zu Schritten gegen die Korruption, nahmen die Medien nur am Rande Notiz davon. Nun aber: Vorhang auf für Geldof!

Das Kabinett halte das globale Konzert für eine tolle Idee, ließ Blair verkünden. Über den Marsch auf Edinburgh dagegen verliert er kein Wort. In Sachen Bildungspolitik kennt New Labour neuerdings nur ein Motto: "Disziplin! Disziplin! Disziplin!" Man wäre blamiert, dem Hohngelächter der Opposition ausgesetzt, würde das halbe Königreich den Unterricht wegen der Demonstration schwänzen. Also tut Tony Blair, was Politiker in kniffliger Lage oft tun: Er hüllt sich in Schweigen.

Stattdessen ist es sein Parteifreund Jack McConnell, Schottlands Erster Minister, der leise Bedenken anmelden darf: "Schön, wenn die Leute auf die Straße gehen, aber es darf nicht ins Chaos ausarten!" Wo all die Zelte herkommen sollen, um in Edinburgh eine Million Gäste unterzubringen, kann McConnell aber beim besten Willen auch nicht sagen. (DER STANDARD, Printausgabe, 04./05.06.2005)

Von Frank Herrmann
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    Bob Geldof 1985 bei den Vorbereitungen zu "Live Aid" im London und diese Woche bei der Präsentation von "Live 8" in London.

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