Welterrettung live on stage

2. Juli 2005, 19:01
3 Postings

20 Jahre nach "Live Aid" will Bob Geldof mit dem Pop- Spektakel "Live 8" die G-8-Staaten zum Schuldenerlass für die Dritte Welt aufrufen

Für das Gute, gegen das Schlechte! 20 Jahre nach "Live Aid" ist es nun offiziell: Unter der Patronanz von Bob Geldof findet am 2. Juli auf Bühnen in London, Berlin, Paris, Rom und Philadelphia "Live 8" statt, die Neuauflage eines legendären Weltrettungsspektakels, das damals 140 Millionen Euro an Spenden für die Hungernden in Afrika einspielte - und aus historischer Sicht doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein war. Weil das Geld zwar verdienstvoll in langfristige Hilfsprojekte floss, sich aber nichts an den teilweise katastrophalen politischen Strukturen und der Hochverschuldung in Afrika änderte.

Anders als 1985 wird laut Geldof dieses Mal auch nicht vor erwarteten zwei Milliarden Menschen weltweit in den Konzerten, vor dem Fernseher und vor allem auch live im Internet zur finanziellen Mildtätigkeit aufgerufen, wie es damals der Fall war. Dieses Mal sollen im Vorfeld des Treffens der G-8-Staaten USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada und Russland im schottischen Edinburgh deren Regierungschefs politisch unter Druck gesetzt werden. Statt Spenden soll nichts weniger als ein Schuldenerlass für die ärmsten Länder der Welt erwirkt werden.

Das universelle Glücksversprechen des Pop soll also in ein weltweit sichtbares Politsymbolspektakel übersetzt werden, wie bereits kritisiert wurde. Immerhin aber findet mit "Live 8" tatsächlich eine Umwertung des symbolischen Kapitals im Pop statt - und geht so auch teilweise parallel mit diversen Antiglobalisierungsbewegungen.

Wo früher außerstaatlich zusätzlich zur organisierten Entwicklungshilfe der Ersten Welt den Armen geholfen werden sollte, die die Folgen der Politik der Industrienationen zu tragen haben, ruft man nun gerade diese Regierungen um Einsicht an. In einem sonst chancenlosen Kampf gegen die Globalisierung sollen also gerade jene Apparate eingreifen, die die Rahmenbedingungen für diese wenn nicht geschaffen, so doch zugelassen haben. Der alte "Feind" als neuer Verbündeter?

Zusätzliche Kritik ist jedenfalls auch dahin gehend angebracht, als sich hier nicht nur in Ehren ergraute SängerInnen nicht ganz uneitel für die gute Sache vor ein Publikum stellen, dass hier zum zweiten und angesichts der Entwicklung des Musikmarkts hin zu einem Nischenbetrieb mit Sicherheit letzten Mal erfahren wird, was der Begriff Superstar tatsächlich bedeutet.

Zwar werden die wenigsten der in fünf Städten auftretenden Künstler dann auch tatsächlich den Marsch auf Edinburgh in Angriff nehmen - mit U2, Elton John, Madonna, R.E.M., Sting, Paul McCartney, Coldplay oder Robbie Williams in London, Manu Chao und Andrea Bocelli in Paris, Peter Maffay oder Tote Hosen in Berlin, Duran Duran und Jovanotti in Rom und Stevie Wonder, Bon Jovi, P. Diddy oder 50 Cent in Philadelphia, ist allerdings eines gewährleistet: Die Kassen werden im Nachhinein zumindest bei einigen Global Players wie EMI, Sony/BMG oder Universal CD-mäßig kräftig klingeln.

Das am 2. Juli in Wien parallel angesetzte Konzert von Bono Vox und U2 im Happel-Stadion ist übrigens durch "Live 8" nicht gefährdet. Am Nachmittag wird in London Milde getätigt, am Abend in Wien abgeräumt. Der globale Flugverkehr ist ein Übel, das man gern in Kauf nimmt. (DER STANDARD, Printausgabe, 04./05.06.2005)

Von Christian Schachinger
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bono Vox und U2 werden bei "Live 8" am 2. Juli nachmittags im Londoner Hyde-Park Gutes tun - und am selben Tag abends im Wiener Happel-Stadion für die eigene Kassse arbeiten. Die Globalisierung macht's möglich.

Share if you care.