"Jetzt drehen wir den Spieß um"

3. Juni 2005, 22:15
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Die Initiatoren von "delete!" Christoph Steinbrener und Rainer Dempf im STANDARD-Interview über die Übermacht von Logos und Schriftsignalen in der Stadt sowie die Grenzen zwischen Kunst und Werbung

Wer in den kommenden zwei Wochen von der Mariahilfer Straße in die Neubaugasse schaut, wird Gelb sehen - aber keine Werbung. Alle Aufschriften, Reklameschilder, Piktogramme, Firmennamen und Logos sind zugeklebt. Also gelöscht.

"Delete!" ist eine Installation von Christoph Steinbrener und Rainer Dempf. Die Journalisten Claus Philipp und Anne Katrin Feßler und der Kulturwissenschafter Christian Reder sprechen mit den beiden Initiatoren über das Löschen und die Sichtbarmachung, die Übermacht von Logos und Schriftsignalen in der Stadt sowie die Grenzen zwischen Kunst und Werbung.


STANDARD Warum löscht man eine Straße?

RAINER DEMPF Es geht uns gar nicht so sehr ums Löschen, "Delete!" ist ein griffiger Titel für ein vielschichtiges Vorhaben. "Delete!" ist vor allem ein Statement zur aktuellen Explosion von Beschriftung und Werbung im öffentlichen Raum.

CHRISTOPH STEINBRENER Wir wollten gemeinsam etwas mit Schrift machen, und das Projekt durchlief innerhalb eines halben Jahres einige Mutationen. Zunächst sollte alles an einer Fassade Vorgefundene, vom Schaufenster bis zum Klingelschild, ausformuliert werden. Der mit ¤ 15 ausgepreiste Hut wäre mit "Dieser Hut kostet fünfzehn Euro" beschriftet worden. Oder es wäre jeweils ein Haus komplett verschriftet und ein anderes "gelöscht" worden. Letzteres erschien uns als die stärkere Idee und war auch beeinflusst von unserer Empörung über die "Rolling Boards", die ohne größere öffentliche Diskussionen montiert wurden. Zunächst waren unsere Überlegungen recht subversiv und gingen in die Richtung, die Boards abzumontieren oder uns mit Sprayern zusammenzutun, um sie zuzusprühen. Aus pragmatischen Gründen haben wir ein Projekt entwickelt, für das wir nicht ins Gefängnis müssen.

STANDARD Wieso die Neubaugasse?

STEINBRENER Da spielten praktische Gründe mit, weil der Geschäftsstraßenverein dort so weit organisiert ist, dass man überhaupt mit den Leuten reden kann.

DEMPF Ein formaler Grund war die Enge der Neubaugasse, wodurch die visuelle Dichte des Eingriffs stärker zum Tragen kommt und sich nicht im Raum verliert.

STANDARD Wie konntet ihr die Geschäftsinhaber überzeugen?

STEINBRENER Wir konnten das Projekt nur realisieren, weil wir entsprechende "Mehrwert"- Argumente lieferten. Dazu gehört, dass die Neubaugasse auf eine spektakuläre Weise neu wahrgenommen wird, die Leute neugierig gemacht werden, hineingehen und sich völlig neu orientieren: Der Blick wendet sich auf die Waren. Es ist also nicht so, dass die Geschäftsleute nur aus Idealismus oder purer Kunstfreundlichkeit heraus mitmachen.

CHRISTIAN REDER Ist es euch auch wichtig, den lokalen Bewohner zu verblüffen? Der findet seine Stammgeschäfte ohnedies blind, braucht die Aufschriften kaum. Fremde könnten verwirrter reagieren.

STEINBRENER Es ging darum auszuloten, was "Stadt" ausmacht. Und Stadt ist Schrift. Die Orientierung in der Stadt läuft über Logo, Bild, Schrift und deren Wechselwirkungen. Das Nordsee-Logo ist zum Beispiel ein Fisch und wenn das fehlt, muss man erst wieder schauen, was dort eigentlich angeboten wird. Selbst nach der langen eigenen Beschäftigung damit bin ich mir nicht sicher, ob ich nach dem Zukleben aller kommerziellen Zeichen genau weiß, wo welches Geschäft ist. Ich bin gespannt, ob das nicht auch Einheimische total irritiert.

STANDARD Ist Delete! also eine subversive Aktion oder doch eher das "ultimative Werbeprojekt", wie es ein Werber nennt?

DEMPF Die Werbung hat sich Methoden der Kunst angeeignet, wir drehen jetzt den Spieß um und bedienen uns Methoden der Werbung.

STEINBRENER Ja, es ist eine Art Trojanisches Pferd, insofern durchaus subversiv.

STANDARD Wie grenzt sich das künstlerische Projekt von Werbemaßnahmen ab?

STEINBRENER Wir bewerben ja nichts, sondern wir markieren die konsumistischen Zeichen im öffentlichen Raum.

STANDARD Wie sieht es mit der Gefahr aus, sich als Künstler von Werbung und Wirtschaft vereinnahmen zu lassen?

STEINBRENER Heikel wird es dort, wo Sponsoren beginnen anzufragen, ob nicht die monochrome Verklebung der Werbeschilder in den Farben ihres Unternehmens gemacht werden könnte. Und es war fast ein Ding der Unmöglichkeit eine Farbe zu finden, die nicht sofort mit einem Unternehmen assoziiert wird.

STANDARD Wieso nicht neutrales Weiß oder Schwarz?

DEMPF Wir wollten markieren und nicht retuschieren.

STANDARD Welche Assoziationen hat Christian

REDER , als am Lehrstuhl für Kunst und Wissenstransfer Lehrender, mit dem Problem der Trennung von Kunst und Werbung?

REDER Mich interessiert, diese strengen und vordergründigen Einteilungen der Genres immer wieder zu unterlaufen und zu negieren. Am Projekt gefällt mir die Haltung, Kunst nicht als Gefängnis anzusehen und neue Felder, auch mit subtileren Methoden zu erschließen. Die Entscheidung, ob es einmal in irgendeinem Archiv als Kunst auftaucht, verschiebt sich auf später.

STEINBRENER Der Vorbereitungsprozess war ein essenzieller Teil unserer künstlerischen Arbeit. Delete! ist ein Experiment, das den derzeitigen Status aufzeigt und alternative Möglichkeiten bewusst ausspart. Es geht um die Anregung eines Diskurses, bei dem auch die Passanten zu einem eigenen Fazit kommen können.

STANDARD Wie sind die Erfahrungen eines Grafikers mit Sichtbarmachung und Verdeckung?

DEMPF Es ist mein täglich Brot, Informationen sichtbar zu machen. Die besten Mittel dazu sind Reduktion und die Erzeugung von Kontrasten. Beim Projekt werden diese Methoden zu Ende gedacht.

REDER Von den eliminierten Aufschriften springen meine Gedanken sofort zu den angeräumten Gehsteigen, den zugestellten Plätzen - gerade in Wien.

DEMPF Die Ideen und Gedanken hinter Delete! machen ja nicht bei der Beschriftung Halt, es geht durchaus auch um Stadtmöblierung. Es ist unsere Intention, dass die Leute weiterdenken und sich fragen, warum Freiflächen nur dort entstehen, wo Stadt für Autofahrer umgestaltet wird.

STEINBRENER Wir sind auch nicht die Erfinder dieser Idee - es gibt genug formal vergleichbare künstlerische Projekte als Montagen und Collagen mit ähnlichen Anliegen - aber uns ging es darum, tatsächlich eine Rauminstallation zu bauen, die aus dem Galerieraum in den öffentlichen Raum führt, und sich dort vehement visuell einzumischen.

REDER Ähnelt der Eingriff in seiner zeitlichen Begrenztheit einer Theateraufführung?

STEINBRENER Delete! ist von seiner Methodik durchaus vergleichbar mit einer Regiearbeit. Auch die lange Vorbereitungszeit bis zur "Aufführung" hat etwas von einer Inszenierung. Das "Making of" wird mithilfe einer Publikation "verewigt".

REDER Spielen die Zeichenerfahrungen anderer Regionen für euch eine Rolle? Gerade in Osteuropa - lange fast werbefrei - wird die expansive Mediatisierung von Stadt besonders deutlich.

DEMPF Wien war und ist das Mekka des östlichen Konsumhungers. Entsprechend hat sich gerade die Mariahilfer Straße entwickelt.

STEINBRENER Dagegen kann man feststellen, dass in "besseren" urbanen Bereichen und in reicheren Städten, wie Zürich oder Hamburg, die kommerziellen Zeichen wesentlich dezenter sind.

STANDARD Seid ihr also Nachhilfelehrer in Sachen Werbung?

DEMPF Wir wollen bei "Delete!" ja nicht die Grafik- oder Geschmackspolizei spielen, sondern eine sehr komplexe Verschilderung auf einer visuellen und nicht didaktischen Ebene verständlich machen.

REDER Glaubt ihr, dass euer Projekt Geschäftsleute auf andere Gedanken bringt? Immerhin bekamen sie es mit Leuten zu tun, die irgend etwas ganz anderes, Sonderbares, Unbestimmbares machen.

STEINBRENER Dass Kunst als Ideensponsor für die Gesellschaft erkannt wird, könnte man als Erfolg bezeichnen.

STANDARD In welchem Verhältnis steht Delete! zur Umgestaltung des ALBUM, die ihr vorgenommen habt?

DEMPF Wir treten mit der gleichen Frage ans ALBUM heran wie an die Neubaugasse: Warum schaut es so aus? Und hier machen wir dann auch konkrete Gegenvorschläge.

STANDARD Wie könnte Delete! scheitern?

DEMPF Es werden hunderttausende Leute dort vorbeigehen, und wir haben keine Ahnung, wie sie reagieren werden. Ein schrecklicher Verdacht ist, dass die Leute es einfach nur für Werbung halten, weil sie sich gar nichts anderes mehr vorstellen können. Nach zwei Wochen erwarten sie sich eine Auflösung, was das Ganze denn war. Aber es kommt nix. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 04./05.06.2005)

Zur Person

Christoph Steinbrener ist Künstler und bespielte zuletzt 2003 mit seiner Wanderausstellung "Operation Figurini" den öffentlichen (Markt-)Raum.

Rainer Dempf ist Grafiker, Typo- und Lithograf bei buero8 und u. a. seit 2000 für die Sujets der Viennale verantwortlich.

Christian Reder ist Professor für Kunst- und Wissenstransfer am Institut für Medienkunst der Wiener Universität für Angewandte Kunst.
  • delete! Die Entschriftung der Wiener Neubaugasse. 6. - 20. Juni 2005
    montage: steinbrener/dempf

    delete! Die Entschriftung der Wiener Neubaugasse. 6. - 20. Juni 2005

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