Finger voller Intellekt

8. Juni 2007, 15:46
posten

Pianist Pierre-Laurent Aimard widmet sich der Moderne und Mozart

Sein äußeres Erscheinungsbild korrespondiert etwas mit dem Klischeebild des französischen Intellektuellen: schwarzes Haar, blasse Haut, dunkle Ränder unter den Augen, etwas unsichere, nervöse Bewegungen. Man könnte ihn sich etwa als Philosophie-Professor vorstellen, der nachmittags seine Vorlesungen hält, abends mit Kollegen oder auch einer hübschen jungen Studentin etwas Feines essen geht und danach noch in ein Café, um bis tief in die Nacht hinein tief schürfende Diskussionen zu führen.

Als Freund würde man ihm besorgt zu etwas mehr frischer Luft, Bewegung und einem Urlaub raten, was er mit einem mitleidigen Lächeln und einem Hinweis auf die endlose Liste seiner anstehenden Projekte quittieren würde. Nun ist Pierre-Laurent Aimard kein Philosophie-Professor, sondern Pianist, aber als solcher nicht irgendeiner, sondern einer der bemerkenswertesten seiner Zunft. Sein Freund, Komponist György Ligeti, bezeichnet den Franzosen schlicht als "den führenden Interpreten von zeitgenössischer Musik" unserer Zeit, und die internationale Musikkritik stimmt Ligetis Diktum fast ausnahmslos zu.

Und tatsächlich sind Aimards Leistungen auf dem Gebiet der kontemporären Klaviermusik herausragend. Von seiner wichtigsten Lehrerin am Pariser Conservatoire, Yvonne Loriod, mit den Werken ihres Mannes Olivier Messiaen vertraut gemacht, von Pierre Boulez am Ircam mit den Arbeitsmitteln der Musikanalyse vertraut gemacht, von György Kurtág in Budapest in die Geheimnisse des Kompositionsprozesses eingeweiht, steht bei Aimard die intellektuelle Durchdringung eines Werkes immer an erster Stelle.

Doch geht der Ausnahmemusiker dann mit ebenso großer Intensität daran, den bis in die letzte Motivfaser analysierten Kompositionskörper mit all seiner ihm innewohnenden Emotion zu klingendem Leben zu erwecken. Dies vollbringt Aimard zum einen mit einer derart unerhörten Virtuosität, dass man sich bei seiner Tastenakrobatik an Lang Lang, den aktuellen Technik-Superstar der Pianistenszene, erinnert fühlt.

Andererseits ist die Gefühlspalette, die er auffächert, eine so farbenreiche, dass man gar nicht dazukommt, über die manuellen Hexereien zu staunen, weil man von der Intensität seines Spiels derart mitgerissen ist. Im März etwa konnte man in Wien erleben, wie Aimard - er arbeitete knapp 20 Jahre mit Pierre Boulez als Solopianist von dessen Ensemble InterContemporain zusammen - das Klavierwerk Boulez' zur (unvergesslichen) Aufführung brachte und hierbei kartesianische Klarheit der Analyse mit dionysischer Wildheit, Unbändigkeit zu verbinden wusste.

Und als Aimard - erschöpft, aber glücklich, blass und mit dunklen Augenringen - die Begeisterungsstürme entgegennahm, war man dann doch froh, dass er in den Wochen vor dem Konzert nicht auf etwaige Ratschläge von Freunden gehört hatte und mehr an die frische Luft gegangen war, sondern seine zehn Finger unermüdlich auf dem Terrain der 88 weißen und schwarzen Tasten hatte tanzen, hüpfen, huschen und hämmern lassen. (end/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 6. 2005)

3. 7.: Werke von Messiaen, Debussy, Ravel u.a., Stefanien- saal, 20.00; 5. 7. und 6. 7.: Mo- zart-Konzerte KV 238, 450, 595 mit dem Chamber Orchestra of Europe, Stefaniensaal, 20.00
  • Der französische Pianist Pierre-
Laurent Aimard machte Karriere als Moderne-
Spezialist. Mittlerweile taucht er aber auch gerne in die Welt der Wiener Klassik ein.
    foto: styriarte

    Der französische Pianist Pierre- Laurent Aimard machte Karriere als Moderne- Spezialist. Mittlerweile taucht er aber auch gerne in die Welt der Wiener Klassik ein.

Share if you care.