Vokale Genüsse

8. Juni 2007, 15:46
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Die Sopranistin Patricia Petibon landete unlängst in Wien einen Sensationserfolg. Nun wird sie bei der styriarte in Haydns "Orlando paladino" zu hören sein. Ein Gespräch über die Sehnsucht nach Perfektion.

Wenn man dieser Tage das Vergnügen hat, mit Patricia Petibon zu plaudern, dann muss man sie natürlich auf ihren großen Triumph in der Wiener Festwochen-Produktion von Lucio Silla ansprechen. In Mozarts frühreifem Jugendwerk, seinem sängerischen "Hochleistungsstück" (Nikolaus Harnoncourt), gab sie die Giunia - eine Partie, von deren kaum bewältigbaren Schwierigkeiten schon Koloraturkönigin Edita Gruberova zu erzählen wusste, die die mehrfach Umworbene ebenfalls schon unter der Leitung Harnoncourts einstudiert hatte.

Das Publikum im Theater an der Wien bedachte die Französin für ihre exzeptionelle Vokalakrobatik, wie auch für die emotionale Intensität ihrer Darstellung mit Ovationen - und die Kritik gab sich euphorisch. Ja, schwärmt Petibon im Gespräch, es wäre schon ein außergewöhnliches Erlebnis gewesen in Wien: der Beifall ein wundervoller Lohn für die unglaublich harte Arbeit an dieser äußerst kniffligen Partie, deren Schwierigkeiten nicht nur in den Koloraturkaskaden lägen, sondern auch in der unmittelbaren Folge von dramatischen und lyrischen Momenten.

Dafür wäre die Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt jedoch eine reine Freude gewesen: "Er ist offen, jederzeit diskussionsbereit, er ist sehr spontan, hat aber trotzdem eine genaue Vorstellung davon, was er machen will. Und er liebt die Sänger! Er achtet in jedem Moment der Aufführung darauf, dass das Orchester die Sänger nicht zudeckt - das ist sehr angenehm."

Zudem zeigte sich Petibon auch von der Akustik des historischen Musiktheaters an der Linken Wienzeile beeindruckt: "Alles ist so klar, so präsent, die Dimensionen des Raumes sind ideal. Es ist fantastisch, dort zu singen." Bei der styriarte wird Patricia Petibon ebenfalls mit Nikolaus Harnoncourt zusammenarbeiten, und zwar in einer konzertanten Aufführung von Haydns Orlando paladino. Eine nordchinesische Königin, ein fränkischer Ritter, ein Berberkönig, eine Schäferin und eine Zauberin gehören zum Personal von Haydns buntem, aktionsreichem "dramma eroico-comico", das genau den Geschmack seiner Zeit getroffen hat:

Zu Lebzeiten Haydns und noch ein halbes Jahrhundert darüber hinaus war Orlando paladino die populärste Oper des Eisenstädter Hofkapellmeisters. Was meint Petibon über das gern gefällte Verdikt, die Musik Haydns könne es an Esprit und Genialität mit der Mozarts nicht ganz aufnehmen? "Na ja", schmunzelt Petibon, "manchmal ist es schon ein wenig wahr. Mozart bietet immer wieder Überraschungen, Haydns Musik ist meistens viel vorhersehbarer, einfacher und auch logischer in der Stimmführung. Aber vielleicht bin ich da etwas parteiisch: Mozart ist einfach mein ganz großer Liebling, mein Chou-chou. Ich genieße jede Note von ihm!"

Glenn Gould hat den Zustand des künstlerischen Musizierens als "kontrollierte Ekstase" beschrieben; die Arbeit einer Koloratursopranistin verlangt allerhöchste Präzision und Stimmkontrolle. Ist die Belastung vor dem Auftritt da besonders groß?

"Ja, natürlich", gibt Petibon zu. "Aber ich bin mir immer bewusst: Man kann nicht alles kontrollieren. Eigentlich ist alles, was auf der Bühne passiert, Überraschung. Vielleicht ist das die wahre Schönheit meines Berufs: Perfektion existiert nicht. Und trotzdem muss man immer danach streben." (Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 6. 2005)

13. und 14. 7., "Orlando paladino", Concentus musi- cus, Leitung: Nikolaus Harnon- court; Stefaniensaal, 20.00
  • Die französische Sopranistin Patricia Petibon über ihre Berufsauffassung: "Perfektion existiert nicht. Und trotzdem muss man immer danach streben."
    foto: universal

    Die französische Sopranistin Patricia Petibon über ihre Berufsauffassung: "Perfektion existiert nicht. Und trotzdem muss man immer danach streben."

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