Kompetenz und Biobauernschläue

8. Juni 2007, 15:46
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Seit 15 Jahren steht der gebürtige Grazer Mathis Huber als für Administration und Programm allein verantwortlicher Intendant an der Spitze der styriarte. Seine Programme sind weit mehr als ein Podium für Nikolaus Harnoncourt, die Galionsfigur des Grazer Festivals.

Suchte man unter Österreichs Kulturveranstaltern nach dem auffälligsten Unauffälligen, würde man im Palais Attems in der Grazer Sackstraße fündig. Allein sein Name, Huber - Mathis mit Vornamen, bürgt für Unauffälligkeit. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass er selbst es war, dem seine Unauffälligkeit zu allererst auffiel.

Das war im Jahr 1990, als ihm der damalige Kulturlandesrat Kurt Jungwirth zu seiner eigenen und vieler anderer Überraschung die Leitung der styriarte übertrug.

Hätte doch die pekuniäre und administrative Dauerbredouille, in der sich dieser damals erst fünfjährige Benjamin unter Österreichs Musikfestivals befand, eher nach einem erfahrenen Manager mit internationaler Erfahrung verlangt als nach einem 32-jährigen Grazer, der bisher höchstens durch ein paar, wenn auch kompetente Musikkritiken in der Kleinen Zeitung und durch die Veranstaltung einiger netter Konzerte (ohnedies nur wenigen) aufgefallen ist.

Und der als Musikwissenschafter und Historiker auch noch die Oboe spielte. Heißt es doch, dass die meisten Oboisten wegen der intensiven Schwingungen des Mundstücks ihrer Instrumente sowieso einen manifesten Dachschaden haben.

Den Habitus eines eher introvertierten Sonderlings hat Mathis Huber zwar heute noch. Sein Wirken allerdings lässt nicht die geringste Spur des erwähnten Oboistendefekts erkennen. Vielmehr ist es die Schlauheit des Biobauern, der Huber nebenbei auch noch ist, mit der er bei der Erreichung seiner Ziele zu Werke geht.

Während sein Amtskollege vom steirischen herbst durch sein enthusiastisches Engagement für die List-Halle das steirische Avantgarde-Festival finanziell so sehr ins Trudeln brachte, dass man dessen Fortbestand nur mit Ach und Krach durch administrative Strukturveränderungen sicherstellen konnte, nutzt auch Mathis Huber ohne die geringsten Blessuren mit unschuldiger Selbstverständlichkeit dieses Gebäude. Und eröffnet sein diesjähriges Festival heuer darin mit Bizets Carmen mit Nikolaus Harnoncourt als Dirigenten und Andrea Breth als Regisseurin.

Unbefristeter Vertrag

Das Auffälligste an diesem unauffälligsten Sonderling auf Österreichs Intendantenszene ist neben seinem unbefristeten Vertrag auch der Umstand, dass er der alleinige und einzig zeichnungsberechtigte Herrscher über sein Budget (von heuer 3,8 Millionen Euro) ist und dass es in den 15 Jahren seiner Amtszeit bisher noch nicht den geringsten Engpass gegeben hat.

Im Hinblick auf seine Programme bezeichnet er die styriarte als ein "glückliches Missverständnis". Geht doch die Gründung dieses Festivals auf den etwas naiven Wunsch zurück, mit Nikolaus Harnoncourt als Galionsfigur etwas Ähnliches wie die Salzburger Festspiele ins Leben zu rufen. Durch den, wie man blauäugig erhoffte, dann einsetzenden Ansturm von zahlungskräftigen Musiktouristen sollte der Steiermark eine neue, ergiebige Einnahmenquelle erschlossen werden.

Aus diesem Traum wurden die weiß-grünen Politgranden bald sehr unsanft geweckt. Zunächst hieß es, außer Spesen wenig gewesen. Und auch jetzt noch beträgt der Anteil auswärtiger Interessenten von den insgesamt 30.000 Besuchern der zu 90 Prozent ausgelasteten styriarte-Veranstaltungen circa 20 Prozent, wenn auch mit steigender Tendenz.

Auch jetzt noch ist der Ururenkel des "Steirischen Prinzen" Erzherzog Johann Nikolaus Harnoncourt, mit vollem Namen Johann Nicolaus Graf de la Fontaine und d'Harnoncourt-Unverzagt, die zentrale Gestalt des Festivals. Und Mathis Huber wünscht sich nichts sehnlicher als dass dies so bleiben möge. Trotz dieser Dominanz hat Huber es verstanden, dem Programm mit, fast könnte man sagen, sehr einzelgängerisch mutiger Fantasie ein zunächst labyrinthisch anmutendes Eigenprofil zu geben, zu dessen Erschließung er diesem ein Motto voranstellt.

Mittlerweile spinnt Mathis Huber seine Programmfäden nicht nur innerhalb der styriarte. Eine der raren Initiativen des kulturhauptstädtischen Jahres 2003, die sich tatsächlich als nachhaltig erwiesen, war und ist das von ihm gegründete und programmierte vorösterliche Festival Psalm.

Oster-"Psalm"

Sein Programm entsteht aus einer Überlagerung der christlichen, jüdischen und islamischen Festkalender. Daraus entsteht eine transkonfessionelle Matrix mit Terminkumulationen, deren musikalische Aspekte Huber in seinen Programmen vereinigt und statt geläufigen Multikultis die Spurlinien gemeinsamer Festlichkeit aufzeigt.

Neuerdings ist ihm auch ein Orchester zugefallen. Die mit ihrer Führung zerstrittenen Mitglieder des Grazer symphonischen Orchesters suchten und fanden bei ihm Asyl und präsentieren nun unter dem neuen Namen Recreation aparte Programme. Im nächsten Jahr plant Querkopf Huber den längst fälligen Bruch eines steirischen Musiktabus, nämlich die Aufführung der Herbstsymphonie des fälschlich nazistischer Aktivitäten bezichtigten Grazers Joseph Marx. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 6. 2005)

  • Mathis Huber, der ohne großes Zeremoniell über zwei Festivals (styriarte und Psalm) sowie ein Orchester (Recreation) herrschende Musikpapst von Graz
    foto: atelier heimo binder

    Mathis Huber, der ohne großes Zeremoniell über zwei Festivals (styriarte und Psalm) sowie ein Orchester (Recreation) herrschende Musikpapst von Graz

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