Korrekturen für einen Opernhit

8. Juni 2007, 15:46
posten

Michael Rot erstellt für Nikolaus Harnoncourt eine neue "Carmen"-Ausgabe

Wohl die meisten Musikfans haben, vielleicht nur entfernt, schon einmal etwas von kritisch-modernen Noteneditionen, etwa der neuen Bach-Ausgabe oder der neuen Mozart-Ausgabe, gehört. Aber was bitte soll jetzt eine "Neue Carmen Ausgabe"? Wieso sollte man bei diesem Kassenschlager auch die Spurensicherung einschalten? Musste dieser Evergreen vielleicht doch einmal entstaubt werden? Ja, wenn sich Nikolaus Harnoncourt dieser französischen Spielart des Verismo im Rahmen der styriarte nähert.

Harnoncourt, der unerbittliche Notenfreak, der für seine entfetteten Lesarten, für sein rhythmisch-konturiertes Spiel bekannt ist und gegen jedes sentimentale Schmalz ins Felde zieht. Wenn es sein muss in Uniform, wie vor zwei Jahren, als er mit einer überarbeiteten Fassung der Offenbach'schen Großherzogin von Gerolstein das Grazer Publikum aufmischte.

Nun steht also Carmen auf dem Prüfstand, die 1875 nach Verzögerungen an der Opéra comique in Paris zur Uraufführung gelangte. Was soll an diesem Werk, das uns Spanien wie von der Postkarte zeigt, verändert werden? Vielleicht gerade das. Nun, der Wiener Musikwissenschafter, Komponist und Pianist Michael Rot, tätig in der Verlagsgruppe Hermann, hatte in den vergangenen Jahren bereits einige tolle Funde hinsichtlich der von ihm betreuten Neuen Johann-Strauß-Gesamtausgabe vorgelegt.

Als Herausgeber war und ist er nicht nur für die Neuedition aller Werke von Johann Strauß Sohn und ausgewählter Werke aller Mitglieder der Strauß-Dynastie zugange, er ist vielmehr seit Jahren auch verantwortlich für die Edition der Werke für die Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker. Harnoncourt, der diese akribischen Ausgaben schätzt, setzte Rot nun auf die Carmen-Spur. Dieser ist überrascht: "Ich habe viele Male während der Quellensichtung riesig gestaunt, wie anders ursprünglich Bizet seine Carmen angelegt hat." Für einige Musiknummern fand er bis zu fünf verschiedene Aufzeichnungen Bizets.

Von der Pariser Opéra comique hatte er einen Auftrag erhalten und sich für die Vertonung der bekannten Novelle von Prosper Mérimée entschieden. Die Librettisten Halévy und Meilhac schrieben die Novelle in ein ausgezeichnetes Opernlibretto um. Und so wurde die Oper ein grandioser - Reinfall.

Für den Chor zu schwierig aus zwei Gründen: zum einen sicher wegen der leidenschaftlichen, gewissenslosen Hauptfigur. Zum anderen aufgrund der vielen, teils gewagten Änderungen, die Bizet noch vor und in der Probenzeit vornahm. Denn der Chor lehnte die Partitur ab - viel zu schwierig. So sehr, dass die geplagten Choristen im vierten Finale ihre Stimmen aus dem zweiten Akt sangen!

Verglichen wurden jetzt also die autografe Partitur mit der Partiturabschrift der Dirigierpartitur; zurate gezogen wurden aber auch die Orchesterstimmen der Uraufführung und der Erstdruck der Klavierausgabe. Wichtigste Neuerungen sind die lückenlose Dokumentation von Bizets Intentionen in allen Fassungen und der originalen französischen Dialoge sowie das daraus resultierende Hervorbrechen eines ungeschönten Stückes Sozialgeschichte.

So viel Mühe! Aber dafür, dass die künftigen Carmen-Aufführungen, beginnend mit der styriarte-Premiere (am 29. Mai) dem unbedingten Willen Bizets folgen. (Beate Hennenberg/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 6. 2005)

  • Michael Rot: "Ich habe riesig gestaunt, wie anders ursprünglich Bizet seine ,Carmen' angelegt hat."
    foto: der standard/andy urban

    Michael Rot: "Ich habe riesig gestaunt, wie anders ursprünglich Bizet seine ,Carmen' angelegt hat."

Share if you care.