Weltuhrzeitmesserin

8. Juni 2007, 15:46
posten

Man hat die Arbeit der Theaterregisseurin Andrea Breth verschiedentlich als "finster" gebrandmarkt - dabei ist sie bloß penibel. Ein Porträt aus Anlass ihrer "Carmen"-Inszenierung bei der styriarte.

Um sich die besessene Detailarbeit vor Augen zu führen, mit der die wichtige Starregisseurin Andrea Breth ihre Inszenierungskunst unterfüttert, muss man vielleicht eine kleine Geschichte erzählen.

Diejenige eines Wiener Theaterrezensenten, der am Tage einer Premiere von Tschechows Die Möwe vor rund acht Jahren im Direktionskabäuschen der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz von der Intendantin persönlich empfangen wurde. Mit gerunzelter Stirn zwar, aber so, als ob es kein Premierenfieber vorsorglich auszukurieren gäbe, keine Nervosität zu unterdrücken, keine flatternden Gemüter zu beruhigen. Mit verschlossener Miene hörte sich die Möwe-Regisseurin Breth diverse Ausführungen ihres hereingeschneiten Gastes an: Wie es komme, dass in der Möwe eine landauf, landab gefeierte Diva auf einer "Landwirtschaftsmesse" auftrete und dort einen kolossalen Erfolg feiere?

Ein tiefer Zug aus der mittlerweile achten Zigarette. Dann sagte Breth: "Sehen Sie, das kommt dabei heraus, wenn man den kursierenden Tschechow-Übersetzungen Glauben schenkt!" Die Zigarette wird umständlich ausgedrückt. "Wir haben uns bei Slawisten kundig gemacht. Unter einer ,Landwirtschaftsmesse' verstand man gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwas wie eine Weltausstellung - die prunkvolle Selbstdarstellung eines Kulturkreises." Die neunte Zigarette wird entflammt: "Dort wurden keine Zuchtstiere vorgeführt, sondern es wurde ein gehaltvolles Kulturprogramm geboten." Eine stupende Einsicht. Denn damit war auch die gängige Lesart des gesamten Stückes verändert. Was heißt verändert: kurzerhand über den Haufen der Konvention geworfen. Die alternde Arkadina, die in der Möwe auf ihrem Landsitz einen ganzen Hofstaat mit der Fütterung ihrer Launen quälend beschäftigt, ist eben keine Knallcharge, kein Bauerntheatertrampel, sondern eine erste Diva in ihrer von Tschechow mit kratzenden Bleistiftstrichen imaginierten Zeit.

Mikroskopische Treue

Das Ingenium von Andrea Breth, 1952 in Rieden bei Füssen geboren, lange Jahre Intendantin an der Berliner Schaubühne und seit Beginn der Ära Bachler das ästhetische Regie-Wahrzeichen der Wiener Burg, speist sich aus lauter solchen mikroskopischen Beobachtungen.

Sie schürft aus den Zwischenräumen in den Granitmassiven der kanonischen Texte, aus den Hohlräumen in den Zeilenfällen die Splitter. Bevor sie Figuren und deren Redeweisen zu Leibe rückt, macht sie sich - niemals: sie, die Wörter, die Menschen - ganz klein. Breth mag manchmal rechthaberisch sein. Desavouierend ist sie nie.

Breth-Produktionen sind niemals klüger als die Texte, denen sie sich und ihre Schauspieler sozusagen bedingungslos vertrauensvoll ausliefert. Breths Vertrauen in die Schrift - und mit Blick auf ihre Carmen-Inszenierung bei der styriarte: in die Partitur - ist im nervös rotierenden, rasch sich ranschmeißenden, ebenso rasch gelangweilt den Schwanz der Sensationskläfferei einziehenden Schauspiel geradezu anstößig geworden.

Andrea Breth, die Kettenraucherin, die sich laut eigenem Bekunden im abgedunkelten Probenbühnenraum am wohlsten fühlt, schürft und bohrt nach Gezeiten. Kosmologischen Umlaufgeschwindigkeiten, die von der gerade tickenden Weltuhrzeit skandalös abweichen.

Als sie gegen Ende der 80er-Jahre Kleists als Lustspiel leicht misszuverstehende Dorfrichtertragödie Der zerbrochne Krug auf die Burgtheater-Bühne wuchtete wie einen anthrazitfarbenen Lehmbrocken, da drohte das Uranus-Zeitmaß ihrer ästhetischen Lesart am Widerspruch mancher Zuschauer zu scheitern. Nackt war ihr Dorfrichter, splitternackt wie ein auf die tote Erde gefallenes Menschenkind. Ihre Tschechow-Unternehmungen waren Weltraumerkundungen, mit flackernden Vergeblichkeitsvirtuosen auf bedrohlich torkelnden Kreiselbahnen.

Ihre Kleist-Inszenierungen waren nachtschwarze Frostübungen - Tauchgänge in die undurchsichtigen Wasser einer heillos mit sich selbst überworfenen Zivilisation.

Mut zur Dunkelheit

Man hat über so viel Mut zur Dunkelheit - und Andrea Breth liest unserer postkulturellen Erlebnisgesellschaft oft und ausführlich die Leviten - gelegentlich vergessen, dass Breth-Inszenierungen übermütig, ja geradezu verspielt sein können. Selbstgenusssüchtig noch im Schmerz (wie in ihrer epochalen Emilia Galotti), liebenswürdig in der atemlosen Zärtlichkeit, mit der sie Tennessee Williams' Whiskey-Helden bestaunt, als wären es metaphysische Zauberlehrlinge in einem zu Tode erkrankten, albernen Südstaatenbuffet. Welttheater - das die Einsicht in die Kosten unserer Existenz schmerzlich-übermütig wach hält. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 6. 2005)

  • In den Schalenfauteuils ihrer epochalen Wiener "Emilia Galotti"-Inszenierung - naturgemäß rauchend: Regisseurin Andrea Breth, aufgeräumter Dinge im Akademietheater
    foto: der standard/heribert corn

    In den Schalenfauteuils ihrer epochalen Wiener "Emilia Galotti"-Inszenierung - naturgemäß rauchend: Regisseurin Andrea Breth, aufgeräumter Dinge im Akademietheater

Share if you care.